Marianne Zepp stellt die Bücher vor:
- Y. Michal Bodemann (Hg.), The New German Jewry and the European Context. New York: Palgrave 2008
- Anne Karpf, Brian Klug, Jacqueline Rose, Barbara Rosenbaum, A Time to Speak out. Independent Jewish Voices on Israel, Zionism and Jewish Identity. London: Verso 2008
- Rolf Verleger, Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht. Köln: PappyRossa 2008
Die drei hier zu besprechenden Bücher stecken ein thematisches Feld ab, das mehr und mehr die Öffentlichkeit erreicht: die Suche nach einem neuen idenditären Selbstverständnis der in Europa lebenden Juden. Namhafte jüdische Intellektuelle, besonders in den westeuropäischen Ländern, haben eine öffentliche Diskussion begonnen, um ihren Status als Minderheit neu zu bestimmen. In vielen Fällen, wie in Großbritannien und in Deutschland, geschieht dies konfliktreich aufgeladen zwischen den offiziellen Vertretungsorganisationen, wie dem Zentralrat der Juden in Deutschland, und Stimmen, die eine offenere Auseinandersetzung besonders mit der Politik Israels fordern.
Inzwischen liegt dazu eine Reihe sehr unterschiedlicher Publikationen vor. Die Bandbreite reicht von politischen Manifesten bis zu neuen Ansätzen in der Erforschung der Geschichte des Judentums in Europa.
Judentum in Europa als transnationale Erfahrung Ein differenziertes Angebot dazu macht der von Y. Michal Bodemann herausgegebene Sammelband. Er geht über den bisherigen Horizont der Suche nach einer neuen jüdischen Identität in den jeweiligen europäischen Ländern hinaus: er verortet die jüdische Diaspora im Kräftefeld internationaler, transatlantischer Politik und zeigt die Wechselwirkungen zwischen Erinnerungspolitik, Identitätskonstruktionen und aktueller Politik.
Die in Paris lebende Philosophin Diana Pinto sieht als Vorraussetzung eine Versöhnung zwischen Judentum und Europa. Ideologischer Ausgangspunkt ist das Konstrukt eines historischen Gegensatzes zwischen einem polyglotten kosmopolitischen Judentum und einem heimatverhafteten christlichen Abendland. Sie verwirft diese Position, deren Stimmigkeit sie historisch bezweifelt und die sie für die Gegenwart als unbrauchbar ansieht. An ihre Stelle sei eine andere ideologische Konstellation getreten: der Gegensatz zwischen Europa, der jüdischen Diaspora in Europa und in den USA scheine unüberbrückbar geworden zu sein. Pinto entfaltet dieses Szenario, das Europa als essentiell antisemitisch und beherrscht von Unentschlossenheit und appeasement gegenüber den Feinden Israels beschreibt. Als Ausweg schlägt sie vor, einen Prozess gegenseitiger Anerkennung zwischen Israel, den in Europa lebenden Juden und den jeweiligen Mehrheitsgesellschaften einzuleiten. Für beide Seiten bleibt der Holocaust der Referenzpunkt. Von jüdischer Seite fordert sie die Anerkennung der in Europa geleisteten Versöhnungsarbeit, in dessen Folge Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte und Demokratie als unabdingbare Grundlagen statuiert wurden. Das Vorbild einer solchen Erinnerungspolitik, die die geschichtliche Erfahrung in eine normative Aussöhnungspolitik transformiert, ist in ihren Augen die deutsch-französische Annäherung nach 1945. Hier wurde ein öffentlicher politischer Raum geschaffen, der es allen ermöglicht, sich als Staatsbürger zu betätigen.
Die erneute Radikalisierung des Nahostkonflikts nach der zweiten Intifada gab auf jüdischer Seite sowohl in Israel wie in den USA neuen anti-europäischen Ressentiments Auftrieb. Die Diagnose, dass eine politische Lösung im Nahen Osten nicht mehr möglich sei, wurde dazu benutzt, europäisches Handeln als inadäquat zu charakterisieren. Zur gleichen Zeit wandeln sich die Gesellschaftsbilder in den europäischen Nationalstaaten, die sich als kulturell und religiös pluralistisch verstehen lernen, was als Gegensatz zu dem sich als homogen verstehenden jüdischen Staat Israel interpretiert wird. Ihre Vertreter appellieren auf der anderen Seite an die Europäer, die Bedeutung des Holocaust für den Gründungskontext Israels und den Einfluss, den dieser für die israelische Identität hat, statt zu unterschätzen vielmehr anzukennen.
Diana Pinto warnt vor einer, wie sie es nennt „fossilized and hijacked memory“, die die Opfererfahrung und -identität festschreibt und die verhindert, dass das eigene Leid in eine Erinnerung verwandelt wird, die allen Opfern auch außerhalb der eigenen Gruppe mit Empathie begegnet. Ihr Appell geht an die europäischen Juden, zwischen der europäischen Erinnerungskultur zu vermitteln, die auf die Auseinandersetzung mit Täterschaft fixiert ist, und einem neuen jüdischen Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit der europäischen Staaten und Europas.
Dan Diner, Historiker in Leipzig und Jerusalem, wiederum nimmt die vormoderne Konstitution ehemals imperialer Transnationalität europäischer Großreiche als Modell für die Konstituierung des modernen Europa. Er warnt davor, die europäische Vereinigung an dem Vorbild des Nationalstaates des 19. Jahrhunderts zu orientieren. Besonders der Widerstand gegen den Beitritt der Türkei beruhe seiner Meinung nach auf der Idee kultureller Homogenität. Sein Plädoyer für ein Europa, das mit flexibleren Institutionen und offenen Grenzen ausgestattet sein soll, begründet er mit zwei historischen Vorbildern: Repräsentanten der europäischen Gründungsdekade wie Adenauer, Schumann und Gaspari sind seiner Ansicht nach Pioniere einer Wiederbelebung eines die Nationalstaaten transformierenden europäischen Geistes. Es seien ihre transnationalen Erfahrungen, die in sich noch die Resudien des alten Deutschen Reiches bis 1806 tragen, die sie zu überzeugten Europäern machten. Die katholisch-christliche Prägung, die diese drei Exponenten des Europagedankens verband, sieht er nicht als entscheidend an. Wie allerdings ist dann zu erklären, daß die Fixierung auf das christliche Erbe Europas so durchschlagend bis heute wirkt? Der Widerspruch zwischen Multireligiosität und Fixierung auf das christliche Abendland wird erst heute virulent, da die christliche Dominanz zur Disposition steht. Oder anders gefragt: Hätte der rheinische Katholik Adenauer mit einem muslimischen Partner genauso enthusiastisch Europa gegründet?
Die zweite Spurensuche führt Dan Diner nach Osteuropa: Er nimmt die Jüdischen Synode innerhalb des polnischen Königreichs, gegründet im 16. Jahrhundert durch ein Königsdekret, als Ausgangspunkt. Es erlaubte den Jüdischen Gemeinden nicht nur ein unabhängiges Steuersystem, sondern war auch der Beginn einer institutionellen Autonomie innerhalb des polnischen Großreiches. Es bedeutete kulturelle Autonomie innerhalb eines Imperiums und erlaubte eine eigenständige ethnisch-religiöse Identität zu entwickeln. Dass alle Emanzipationsangebote in der Folge der Französischen Revolution auch den Zwang zur Assimilation beinhalteten, hat schon Hannah Arendt festgestellt, doch Diner erweitert das Argument: sieht er doch in dem Prozess der Rationalisierung und der damit einhergehenden Homogenisierung weitreichende Folgen. Das moderne Kozept des Staatsbürgertums versagte dem Kollektiv der Juden die kulturelle Eigenständigkeit. Zugleich wurde Religion zum Bekenntnis, verwiesen in den Bereich des Privaten, wo die religiöse Distinktion entbunden war von anderen Bereichen des Alltags. Die Standesformationen wurden als öffentliche Institutionen aufgelöst, nationale Zugehörigkeit geriet in Gegensatz zur exterritorialen Erfahrung des Judentums.
Die „Judenfrage“ war geboren: der Kampf um staatsbürgerliche Emanzipation, beginnend mit dem Wiener Kongress und das ganze 19. Jahrhunder begleitend, hatte begonnen. Die jüdischen Organisationen Osteuropas kämpften um Minderheitenrechte, die in den Friedenskonferenzen des frühen 20. Jahrhunderts ausgehandelt wurden. Diese Schutzrechte waren bezogen auf Minderheiten innerhalb von imperialen Großreichen und richteten sich gegen die ethnischen Homogenisierungsbemühungen mächtiger werdender Nationalstaaten. Sie bezogen die deutschen Minderheiten im Osten ebenso ein wie die Armenier und Griechen im Osmanischen Reich.
Dieser Schutz für Minoritäten ging in der Katastrophe des kurzen 20. Jahrhunderts unter. Das Erbe dieses Kampfes sind die Entwürfe für die unveräußerlichen Menschenrechte. Was blieb nach 1945 war eine Traditionslinie im modernen Judentum für den Kampf um unveräußerliche Menschenrechte. Diner zieht die Linie bis zu Raphael Lemkin, der nach 1945 den Begriff des Genozids für das internationale Völkerrecht prägte.
So luzide Diners Gegenerzählung zur europäischen Geschichte der Nationalstaaten ist, so sehr stellt sich die Frage, ob nicht Züge der von Pinto charakterisierten Nostalgie in der Beschreibung des europäischen Judentums eingeflossen sind. Historische Empirie und Präzisierung werden diesem eleganten Entwurf einer longue durée, der langen Entwicklungslinie von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart, ihre eigentliche Überzeugungskraft geben.
Religiöse Minderheitenrechte und der Kampf um Anerkennung
Sander Gilmans Ausgangspunkt ist die Kopftuchdebatte. In ihr offenbart sich seiner Meinung nach die christliche Grundierung des Säkularismus europäischer Prägung, eine Folge der Religionskriege und der Reformation. Auch sein Argument ist ein historisches: er vergleicht die Emanzipation des Judentums am Ende des 18. Jahrhunderts mit der Anpassungsleistung, die der Islam in Europa heute vollbringen muss. Beide werden als das Andere in den nach Homogenisierung strebenden Nationalstaaten definiert, ihre religiösen Symboliken und Praxen dämonisiert. Die Transformationsleistungen der jeweiligen Minoritäten bestehen daher darin, die kulturell-ethnische Selbstbehauptung mit den nationalen Besonderheiten der jeweiligen Länder zu vereinen.
Der Autor fragt, ob die modernen (oder besser: postmodernen) Konzepte von Multikulturalismus und Hybridität Modelle für diese Anpassungsleistungen sein können. Beide Konzepte sind in den akademischen Milieus Nordamerikas und Europas entworfen worden und versuchen Antworten zu geben auf die Spannung zwischen der rassistischen Grundierung und der Pluralisierung der jeweiligen Gesellschaften. Multikulturalität verfolgt seiner Meinung nach das Ziel, die Transformation unterschiedlicher Diasporagruppen und Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft zu transfomieren durch die Teilhabe an einer gemeinsam zu bestimmenden Hochkultur. Das ist seinem Ursprung nach ein europäischer Gedanke, dem eine festgelegte Vorstellung von Nation („nationhood“) zugrunde liegt. Dieser Prozess – auch wenn er getragen ist von kulturellen Distinktionsanstrengungen wie am Beispiel der Deutschtürken ersichtlich – ist ein Akt der Akkulturation. Etwas Neues, Drittes entsteht.
Die Widersprüche, die sich auftun, wenn Herkunft, kulturell-ethnische Zuweisung und eigene Identität nicht den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft entsprechen, macht der Autor an dem Beispiel des Romans des Schriftstellers Zafer Senocak „Gefährliche Verwandtschaft“ deutlich: der Protagonist türkischer und deutsch-jüdischer Herkunft gerät in die Widersprüche zwischen deutscher Erinnerungskultur und Fremdheit, zwischen Zugehörigkeit und Zurückweisung durch die Mehrheitsgesellschaft. Der Roman konzentriert sich auf das deutsche Beispiel: jüdische Kultur heute in Deutschland zielt darauf ab, eine verlorene Tradition wieder herstellen zu wollen. Sander wiederum plädiert dafür, die Aspekte der jüdischen Existenz einzubeziehen, die Auskunft geben über die langen Aushandlungsprozesse von Zugehörigkeit und Fremdheit, über kulturell-religiöse Distinktion und Anpassung an nationale Mehrheitsgesellschaften. Sie könnten seiner Meinung nach dem europäischen Islam und das Leben der Muslime in Europa Wege aus ihrer kulturellen Isolation weisen.
Diese Verquickung von Vergangenheitsbewußtsein der Mehrheitsgesellschaft, das Selbstbild von Muslimen in Deutschland und das jüdisch-muslimische Verhältnis stellt auch der Beitrag von Michal Bodemann, dem Herausgeber des Bandes und Professor an der University of Toronto, und Gölce Yurdakul, Soziologin an der Berliner Humboldt Universität, in den Mittelpunkt. Anhand von Fallbeispielen machen die Autoren deutlich, dass die muslimische Seite versucht, ihre Diskriminierungserfahrungen mit denen der Juden in Deutschland zu parallelisieren. Was andererseits davon zeugt, dass sie durch das Wissen um die Bedeutung, die der Holocaust in dem deutschen öffentlichen Bewußtsein hat, bereits Teil dieser Gesellschaft sind. Indem z.B. der Türkische Bund Berlin-Brandenburg einerseits auf den Rassismus in der deutschen Gesellschaft verweist, andererseits sich mit der jüdischen Gemeinde solidarisch gegen antisemitische Übergriffe erklärt, verfolgt er genau diese Strategie.
In ähnlicher Weise wird versucht die Muslime in Deutschland als religiös-ethnische Gruppe in ähnlichen Strukturen zu organisieren wie die Jüdischen Gemeinden. Sowohl durch die Organisationsform ihrer Gemeinden - die Gründung als Gesellschaften des öffentlichen Rechts – wie durch ihre Selbstdefinition als religiös-kulturelle Minderheit gleichen sich die beiden Gruppen immer mehr an. Dass dies für Deutschland eine besondere Anpassungsleistung und im Rahmen deutscher Erinnerungspolitik eine besondere Brisanz hat, lassen die Autoren nicht außer Acht. Drei Beiträge in dem vorliegenden Band beschäftigen sich mit den Auswirkungen, die die Einwanderung russischer Juden auf die deutschen Gemeinden haben. Mit dieser Frage hat sich der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Jeffrey Peck, der das Nachwort des vorliegenden Bandes geschrieben hat, in seiner 2006 erschienen Studie "Being Jewish in the New Germany" bereits ausführlich beschäftigt. Bewertet er das Anwachsen der jüdischen Gemeinde und ihre öffentliche Sichtbarkeit besonders in Berlin noch positiv, so charakterisiert Judith Keßler, aus der Wohlfahrtsarbeit der Jüdischen Gemeinde in Berlin kommend, die in den 1990er Jahren Eingewanderten als säkular, apolitisch und sowjetisiert.
Letzteres betrachtet sie als besonders hinderlich für ein demokratisches Bewußtsein. Überalterung und diverse Anpassungsschwierigkeiten wie Verlust der beruflichen Kompetenzen und Sprache werden als soziale Defizite identifiziert, die die Arbeit in den Gemeinden nachhaltig prägen. Auch die beiden anderen Beiträge (Julius Schoeps/ Olaf Glöckner und Bodemann/Olena Bagno) gehen von diesen Befunden aus. So weisen Schoeps und Glöckner auf die Schwierigkeiten sowohl bei der Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft wie auch in die Jüdischen Gemeinden vor Ort hin.
Jüdische Dissidenten
Mit den Spaltungen und einer vehementen Kritik an der Vereinnahmung jüdischer Positionen gegenüber Israel durch die offiziellen jüdischen Organisationen beschäftigt sich das Manifest „Time to Speak Out. On Israel, Zionism und Jewish Identity“ der britischen Gruppe Independent Jewish Voices (IJV). Die IJV gründete sich im Februar 2007 als ein loser Zusammenschluss, der sich den Zielen von Menschenrechten, Antirassismus, Anerkennung einer internationalen Rechtsordnung und damit der Anerkennung sowohl des israelischen wie palästinensischen Rechts nach Sicherheit und Frieden verschrieben hat. Die Gründung hat eine Welle ähnlicher Initiativen in anderen Ländern (u.a auch in Deutschland) ausgelöst, bis es im März 2008 zu einem weltweiten Zusammenschluss in Kanada kam. Ausgangspunkt ist die Auseinandersetzung mit dem Zionismus, wie er seit seiner Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts ausgetragen wird. Das Unbehagen und die daraus resultierende Kritik an der Entwicklung im Nahen Osten verbinden sich mit einer Kritik an einer ethnozentrischen Perspektive auf das Judentum. Die Kritik an der israelischen Siedlungs- und Besatzungspolitik ist stark beeinflusst durch die britische Perspektive auf Besatzung und die Rolle, die Großbritannien als Mandatsmacht bei der jüdischen Besiedlung Palästinas spielte (1) .
Der in Oxford lehrende Philosoph Brian Klug, wiederholt hervorgetreten durch seine Zurückweisung eines nationalen Zionismus und undifferenzierter Antisemitismusvorwürfe, beklagt die vergiftete Atmosphäre, in der die Auseinandersetzung stattfindet. Dass die Positionen durchaus unterschiedlich sein können und von verschiedenen Perspektiven argumentieren, macht der Band deutlich. Von dem radikalen Vorwurf eines israelischen Apartheidsystems (Emma Clyne) bis zu einem Universalismus, der sich gerade aus der jüdischen Erfahrung der Verfolgungen und des Holocaust heraus begründen müsse, wie die Mitherausgeberin Jacqueline Rose argumentiert, reicht das Spektrum. Auch aktuelle politische Positionen wie der Einfluss der europäischen Politik auf die Formulierung der EU-Resolution über Rassismus und Xenophobie, der einen vehementen Streit über die Bedeutung, die dem besonderen Kampf gegen den Antisemitismus beigemessen wird, auslöste, wird im Gegensatz zu den offiziellen Stellungnahmen der jüdischen Organisationen positiv bewertet.
Auf den bitteren Konflikt zwischen den israelkritischen Positionen und dem jüdischen Establishment geht ein anderes Buch ein. Das Pamphlet, denn als solches muss man Rolf Verlegers Buch "Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht" bezeichnen, dokumentiert in anschaulicher Weise die Unüberbrückbarkeit der Positionen in der Haltung gegenüber der israelischen Politik nach dem Libanonkrieg. Zwei Argumente bringt Verleger ins Spiel: einmal die Verbindung von Religion und Nationalismus. Zum anderen entwickelt er anhand seiner eigenen Biographie den Gegenentwurf eines geistigen Judentums, das auf Versöhnung und Humanismus gründet. Die Einwände gegen diese Position sind ähnlich, wie sie in anderen Konflikten zwischen Friedensorientierten und Kalten Kriegern gegeneinander ins Feld geführt werden. Unversöhnlich stehen sich der Vorwurf von Naivität, Verrat an der eigenen Gruppe, Verkennung der Gefahr, die von Feinden ausgeht, auf der einen Seite, und die Kritik am übersteigerten Nationalismus, Verkennung der Verletzung von Menschenrechten auf der anderen Seite gegenüber. Neu ist, dass in der Initiative von Shalom 5767, die von Verleger mit initiiert wurde, eine jüdische Gruppe ihre Israelkritik öffentlich machte, um auf die deutsche Nahostpolitik Einfluss zu gewinnen. Das wiederum wurd von der anderen Seite als Aufkündigung der Solidarität mit Israel gesehen. Der damit verbundene Deutungskampf über die jüdische Identität wird in diesem Band dokumentiert und weiter ausgetragen, aber leider nicht reflektiert.
Gerade das britische Beispiel zeigt, dass die Emotionalisierung der jüdischen Existenz heute durch den Nahostkonflikt, muslimische Präsenz in Europa und die Last der Geschichte nicht auf Deutschland beschränkt ist. Modelle der Vergangenheit können nur beschränkt gegenwärtige Probleme beschreiben, sie können aber einer kulturellen Selbstvergewisserung den Weg weisen aus einer reinen Opferidentität heraus in die eines neuen selbstbewußten vielstimmigen Judentums in Europa. Schon aus diesem Grund wäre besonders dem von Bodemann herausgegebenen Band eine deutsche Ausgabe zu wünschen.
Oktober 2009
Endnote
(1) Die Britische Regierung und ihr Außenminister Balfour erklärten gegenüber dem Zionistischen Weltkongreß ihre Bereitschaft die jüdische Besiedlung zu unterstützen. 1922 wurde das Bestreben, eine „jüdische Heimstatt“ im Nahen Osten zu errichten, vom Völkerbund anerkannt. Unter der britischen Mandatsherrschaft eskalierten die Gewalttätigkeiten zwischen den zahlreicher werdenden jüdischen Siedlern und den arabischen Bewohner, ohne das eine Ausgleichspolitik von britischer Seite angestrebt wurde.
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