Vergleichende Rezension von Marianne Zepp Jüdisches Leben in Europa war über die Jahrhunderte Teil der europäischen Kultur und stand dennoch für das Andere, das nicht Dazugehörende. Wie diese Erfahrung heute zu bewerten ist und welche Folgen sich daraus ergeben für die Stellung der Juden in Europa heute und den Nahostkonflikt, darüber geben zwei auf Buchlänge ausgedehnte Essays Auskunft.
|
Natan Sznaider, Gedächtnisraum Europa. Die Visionen des europäischen Kosmopolitismus. Eine jüdische Perspektive. Transcript Verlag 2008 |

Micha Brumlik, Kritik des Zionismus. Europäische Verlagsanstalt 2008
|
Natan Sznaider, Soziologe am Academic College in Tel Aviv, bisher hervorgetreten mit Arbeiten zur Erinnerung in einer sich globalisierenden Welt, führt dies an dem Begriff des Kosmopolitismus aus. Er nimmt wechselnde nationale, lokale und regionale Zugehörigkeit und die Beherrschung verschiedener Sprachen als Kennzeichen eines europäischen Judentums, das bereits in der Vormoderne die Spannung zwischen Partikularismus, einer eigenen Kultur und dem, was er als Kosmopolitismus bezeichnet, lebte. Seiner Darlegung nach hat erst die Aufklärung mit der Proklamierung der universellen Menschenrechte und dem darin erhaltenen Angebot der Assimilation sowie der sich im 19. Jahrhundert entwickelnde Nationalstaat, der Zugehörigkeit erst religiös und in der Folge auch ethnisch begründete, diese Lebenswelten untergraben. In der Folge hat der vom Staat durchgeführte Massenmord an den Juden die wichtigste Errungenschaften moderner Staatlichkeit, den Schutz durch allgemeinverbindliche Rechtsnormen für das Individuum, in ihr Gegenteil zu verkehrt. Gekennzeichnet durch Effektivität, Planbarkeit und Rationalität, angewandt im Gewand scheinbarer Fortschrittlichkeit wurde der Holocaust zur einmaligen Mißgeburt der Moderne. Er zerstörte das europäische Judentum. Die Überlebenden wurden in der Erinnerung reduziert auf das, was der NS aus ihnen gemacht hatte: auf Opfer.
Dies gilt laut Snzaider nur für Europa: es gibt seiner Meinung nach zwei Orte, an dem jüdisches Leben in seiner lebensweltlichen Selbstverständlichkeit gelebt werden kann: Israel und die USA. Israel ist die auf dem Judentum basierende Nation mit allen Problemen des ethnisch und religiös begründeten Nationalstaates. Der religiöse und ethnische Pluralismus der Vereinigten Staaten wiederum erlaubt die Entfaltung eines Judentums in einer Alltagswelt. Das Hauptaugenmerk seines Buches jedoch liegt auf Europa.
Sznaider verweist – sehr überzeugend - auf die Leerstellen, die Verdrängungen, Ausblendungen und Überblendungen der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte. In der Folge, so Sznaider, entwickelten die Nachkriegsgesellschaften als Reaktion auf den Holocaust einen Universalismus, der durch seinen allgemeinen Menschheitsbezug das Spezifische des Mordes an den Juden unsichtbar machte. Die Bearbeitung der Schuld und die daraus gezogenen Folgerungen für die Erinnerungskultur Europas finden ohne die jüdischen Opfer statt. Ihre Geschichten werden nicht erzählt. Besonders in Deutschland steht die Auseinandersetzung mit den Tätern im Mittelpunkt.
Diese Erinnerungskultur läßt somit das europäische Judentum zum zweiten Mal verschwinden. Sznaider appelliert dafür, in die Gedächtnislandschaft Europas endlich die Schicksale der Opfer als konkrete Erfahrung einzuschreiben, nicht als Phantasmen, als Imaginationen einer unbearbeiteten Schuld und eines ins menschheitserlösende Pathos verschobenen Universalismus. Sein kosmologisches Weltbild, eine Existenz, an keine Sprache und an keinen Ort gebunden, versehen mit der Anerkenntnis, ein Eigenes zu sein, sei darüber hinaus für die heutigen Gesellschaften die angemessene Antwort auf die Bedingungen von weltweiten Wanderbewegungen und sich ausdifferenzierenden Nationen.
Anders Micha Brumlik. Auch er konzentriert sich auf Europa. Er tut dies allerdings aus einer Innenansicht und bietet einen geistesgeschichtlichen Rekurs auf die Entwicklung des modernen Judentums. Der in Frankfurt lehrende Erziehungswissenschaftler setzt sich intensiv mit der Geschichte des Zionismus auseinander, von den Assimilationshoffnungen in der Aufklärung beginnend bis zu dem auf eine eigene Staatlichkeit zielenden Nationalzionismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Er bezieht sich in seinem Eingangskapitel auf die in den letzten zwei Jahren geführten heftigen Debatten innerhalb des Judentums um die Neubestimmung einer jüdischen Existenz in der Diaspora.
Deren extreme Vertreter, wie sie sich u.a. in der britischen Vereinigung Independent Jewish Voices sammeln, kritisieren die israelische Politik bis hin zu ausgesprochen antizionistischen Positionen, was sie wiederum in Konflikt mit den etablierten pro-israelischen Gemeinden bringt. Brumlik wirft ihnen vor, wie er am Beispiel des französisch-deutschen Publizisten Alfred Grosser zu beweisen versucht, den Verantwortungsduktus der Nach-Holocaust-Ära aufzunehmen und mit einem elitären Humanismus ohne reale Verantwortung zu argumentieren.
Hier nähern sich die Positionen der beiden Autoren an: Brumlik fordert konkrete Verantwortung (und eine gerechte an anderen Staaten zu messende gleiche Behandlung der Politik Israels), während Sznaiders Hauptvorwurf sich gegen einen Universalismus richtet, der als Utopie, den Partikularismus der jüdischen Erfahrung zum Verschwinden bringt.
Beide Autoren beziehen sich auf Hannah Arendt. Für Sznaider ist sie die jüdische Denkerin, die ihr Judentum einforderte, es behauptete als ihren Identitätskern, in ihrer Kritik der Staatsgründung Israels nicht den Zionismus ablehnte, sondern das kulturelle Erbe des europäischen Judentums in Gefahr sah. In der Auseinandersetzung mit ihrem Weggefährten Gershom Sholem, die schließlich zum Bruch führte, erläutert sie die Folgen einer auf ethnische Zugehörigkeit, Religion und Land begründeten Staatsgründung. Für Brumlik liegt darin ihr großes Verdienst, aber auch ihre Begrenzung. Ihrer Herkunft aus dem deutschen Assimilationsjudentum blieb sie seiner Meinung nach verhaftet. Erst ihre in der Emigration weiter entwickelte Position – und die Erfahrung des Exils - machte sie zu einer Kritikerin des, wie Brumlik es nennt, Assimilationismus und zugleich zu einer überzeugten Republikanerin. Sie formulierte eine frühe Kritik an der Staatengründung Israels als einer Adaption eines ihrer Meinung nach überlebten Nationalismus.
Brumlik führt in den beiden letzten Kapiteln seine Kritik des Zionismus aus, der nicht mehr in der Lage sei, angemessen auf die Probleme des Nahen Ostens zu antworten. Er fordert dessen Überwindung durch einem neuen Postzionismus. Hierzu schlägt er zweierlei vor, daß die Europäer in die Verantwortung für den Nahen Osten gehen sollten und daß Israel zu der europäischen Wertegemeinschaft zurückkehren solle, in der es seine Wurzeln habe, eine ebenso anrührende wie unrealistische Variante der Lösung des Nahostkonflikts.
Aus beiden Büchern läßt sich viel erfahren über die Prozesse von Anerkennung, über das Spannungsverhältnis zwischen Partikularem und der Sorge um den Verlust des Eignen und dem Bemühen um eine neue Politik des Aushandelns gemeinsamer ethischer Grundsätze. Beide Autoren stehen für eine neue jüdische Stimme in Europa, die nicht mehr zu überhören ist. Sie verknüpfen die jüdische Existenz mit den drängenden Fragen moderner Gesellschaften in Zeiten, in denen kulturelle Identität zum Joker für Macht und Einfluß wird. Beiden Autoren, Sznaider mehr noch als Brumlik, ist Erfahrung die Kategorie, die vom Allgemeinen zum Besonderen führt. Sie ist die Voraussetzung für jegliche Solidarität mit den Opfern jedweder Kultur und Nationalität.
September 2008