von Marianne Zepp
Noch 2002 hatte die amerikanische Publizistin Ruth Gruber in Deutschland und besonders in Berlin ein „virtuelles Judentum“ ausgemacht, ein Judentum, dass in Klezmermusik am Hackeschen Markt, in Erinnerungstouren und einer romantisierten Darstellung der deutsch-jüdischen Kultur der Weimarer Republik seinen Ausdruck fand, in erster Linie von nicht-jüdischen Deutschen als authentisch konsumiert würde, aber nichts mit der Existenz von jüdischen Menschen in Deutschland nach 1945 und ab 1989 zu tun hätte.
Dem stellt Jeffrey Peck in seinem Buch: Being Jewish in the New Germany eine andere Sichtweise gegenüber: die eines sich ausdifferenzierenden mit einer eigenen Stimme sprechenden Judentums in Deutschland seit 1989. Das Buch ist an ein, wie der Autor selbst schreibt, uninformiertes amerikanisches Publikum gerichtet. Der deutsche Leser wird deshalb vieles finden, was ihm bereits bekannt ist: die Skandale der letzten zwei Jahrzehnte wie u.a. die Affäre um den CDU-Abgeordneten Hohmann, die Rede von Martin Walser in der Paulskirche oder auch die Debatte um einen neuen Antisemitismus. Es wird die Struktur, die Funktionsweise, die wichtigsten Vertreter der Jüdischen Gemeinde in Deutschland beschrieben, der Autor geht auf die Veränderungen der jüdischen Gemeinde seit der Einwanderung russischer Juden ein, denen er ein ganzes Kapitel widmet.
Was macht das Buch also interessant für deutsche Leser? Es ist die Perspektive eines - zugegebenen wohlwollenden - Deutschland- kenners, der, ausgestattet mit US-amerikanischen und deutschen Forschungs- und Lehrerfahrungen, sowohl die Besonderheiten einer jüdischen Existenz in Deutschland nach dem Holocaust im Blick hat, darüber hinaus aber Möglichkeiten und Chancen erkennt, hier eine wirklich multikulturelle Gesellschaft entstehen zu lassen, eine Perspektive, die durch den nationalen Tunnelblick oftmals verstellt ist.
Der Autor widmet der Bearbeitung des Holocaust ein Kapitel, einer Erinnerungspolitik, die für eine Bestimmung von jüdischen Leben in Deutschland bis heute der Dreh- und Angelpunkt ist. Es ist aber eher ein Schnelldurchgang durch die (west)deutsche Geschichtspolitik und ein wohlwollender zudem, der mit der Errichtung des Berliner Holocaust-Denkmals in jüngster Zeit einen Höhepunkt gefunden hat. Es ist zugleich eine der schwächsten Kapitel des Buches.
Zwar verweist der Autor auf die offizielle Gedenkpolitik, die Vergegenwärtigung des Holocaust in der Geschichtspolitik der Bundesrepublik bis heute. Wie erklärt man hingegen die in der Bevölkerung nach wie vor weitverbreiteten antisemitischen Stereotypen? Und was hat das mit der um ein neues Selbstverständnis ringenden jüdischen Minderheit zu tun?
Die Mehrheitsgesellschaft formuliert keine Erwartungen an die jüdische Minderheit, wie dies mit anderen religiösen oder ethischen Gemeinschaften geschieht. Es gibt eine besonders von der 2. Generation dominierte Berührungsangst, die die Ursache dafür ist, dass Konflikte innerhalb der jüdischen Gemeinden in der Mehrheitsgesellschaft nicht oder nur sehr vorsichtig kommentiert werden. Die Ursachen dieses offensichtlichen Einhegens ist eine geübte Geste, mit dem sich das Nachkriegsdeutschland des Umgangs mit den realen Problemen der Nachkommen der Verfolgten entzog und einen systemstabilisierenden Antifaschismus auf der einen Seite und einen elitär gepflegten Philosemitismus auf der anderen Seite praktizierte, unter deren Decken ein Verschiebungs- und Verdrängungsantisemitismus wuchern konnte. Die „geteilte Erinnerung“ der beiden Nachkriegsdeutschland war die Grundierung einer Integrationsleistung, bei der Opfergruppen öffentlich anerkannt wurden, die der eigenen nationalen Selbstvergewisserung dienten. Mit dem realen Leben von Juden in Deutschland nach 1945 hatte dies wenig zu tun. Diese Ausgangslage vernachlässigt Peck.
Vielmehr geht er auf die neue Sichtbarkeit der jüdischen Minderheit und auch der Konflikte innerhalb der Gemeinde ein.
85 % der in Deutschland lebenden Mitglieder der jüdischen Gemeinden stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie bringen eine andere Geschichte mit: das Trauma des Stalinismus, den offenen Antisemitismus im heutigen Russland. Die Einwanderung verlangt von ihnen, wie der Autor anschaulich zeigt, die Anpassung an ein Jüdisch-Sein, dem eine ethnische Definition zugrunde liegt, dass heißt ein Herkunftsnachweis entscheidet über ein authentisches Judentum. Die aus dieser Einwanderung erwachsenen kulturellen und sozialen Konflikte um Authenzität prägen die jüdischen Gemeinden heute, wie Peck eindringlich schildert.
Jüdische Selbstfindungsprozesse finden auch in anderen westlichen Ländern statt, in Großbritannien mit besonderer Härte zwischen den israelkritischen und -freundlichen Lagern. Peck sieht für Deutschland, das seiner Geschichte nicht ausweichen konnte und sich in immer neuen Wellen geschichtspolitisch häutet, die Chance, eine neue hörbare jüdische Stimme für eine neue demokratische Kultur einzubringen. Dabei ist entscheidend, dass es gelingt, diese Kultur so zu gestalten, dass nicht allein Gruppenidentitäten beruhend auf religiösen, ethnischen oder kulturellen Herkünften über gesellschaftliche Anerkenntnis entscheiden. Das gilt auch für alle anderen Minderheiten.
Der Autor arbeitet mit dem Begriff der Identität, den er nicht näher erläutert. Das ist dann problematisch, wenn nicht mehr deutlich wird, dass sich unter einem (scheinbar) einheitlichen Label ganz unterschiedliche politische und kulturelle Muster und Verhaltensweisen entwickeln können, individuelle Lebensentwürfe, soziale Realitäten diesen Zuschreibungen nicht zwangsläufig entsprechen müssen. Dem trägt der Autor Rechnung, ja es ist ihm gerade ein Anliegen, die Unterschiedlichkeiten deutlich zu machen. Entscheidend ist für ihn, dass sich in Deutschland ein neues selbstbewußtes Judentum unterschiedlicher politischer und kultureller Ausrichtung zu Wort meldet.
Der zweite zentrale Begriff des Buches, die Diaspora, erinnert zwar an die Besonderheit der jüdischen Überlieferung und Existenz, verweist aber zugleich auf ein dialektisches Verhältnis zum jeweiligen Nationalstaat. Nationale Zugehörigkeit ist demnach keine Selbstverständlichkeit, sondern ein politischer Akt, der republikanisch begründet wird. Das dies in Deutschland, im „Land der Mörder“ möglich sein sollte, ist die Hoffnung und die Chance, die der Autor mit seinem distanzierten, aber gleichwohl kenntnisreichen Blick von außen auf die deutsche Gesellschaft wirft. Sein optimistischer Schluß, dass die jüdische Diaspora über nationale Zugehörigkeiten hinaus ein Modell der Zukunft in einer globalisierten Welt darstellt, setzt nicht nur voraus, dass man jüdische Existenz in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit wahrnimmt, es setzt auch ein republikanisches gegenüber einem völkischen Verständnis dessen voraus, was deutsch ist.
Man wünscht dem Buch eine Übersetzung ins Deutsche durch einen angesehenen deutschen Verlag. Es könnte eine längst überfällige Debatte in Gang setzen.
März 2007
Marianne Zepp ist Referentin für Demokratie und Zeitgeschichte in der Heinrich-Böll-Stiftung