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Gewalt an der Schule

Von Sybille Volkholz

Eines hat die Rütli-Schule sicher geschafft: Sie ist in der Öffentlichkeit und es gibt eine rege (oder eher aufgeregte) Debatte um die Situation von Schulen in sozialen Brennpunkten und insbesondere von Hauptschulen.
Auf Grundlage der hohen Medienaufmerksamkeit glaubt auch jetzt jeder mit Verweis auf den Brief der Schule seine eigenen Patentrezepte begründen zu können und der beginnende Wahl-kampf erhöht die Wahrscheinlichkeit, in alt bekannte populistische Lösungen zu verfallen.Hauptschulen konzentrieren eine schwierige Schülerschaft und dies ist in der Regel keine Lösung von deren Problemen, sondern eine Konzentration.

Der Hilferuf der Rütli-Oberschule wird mit der schwierigen Schülerschaft, vor allem mit ihrer ethnischen Zusammensetzung, dem hohen Anteil arabischer und türkischer SchülerInnen be-gründet. Diese Darstellung birgt die große Gefahr, dass die ethnische Herkunft zur Ursache der Schwierigkeiten erklärt wird. Sozial niedrige Herkunft wird mit der Nationalitätenzu-schreibung überlagert, und es wird eine generelle Zuschreibung vollzogen, die die einzelnen Biografien unkenntlich macht. Vermutlich wird ein großer Teil der Jugendlichen in Berlin geboren sein, möglicherweise auch Berliner sein und einen deutschen Pass haben. Mögli-cherweise möchten auch viele Jugendliche nicht global etikettiert werden, sondern als einzel-ne Individuen in ihrer Unterschiedlichkeit wahrgenommen werden.

Ohne Zweifel ist bei einem Teil der Schülerinnen und Schüler die soziale Herkunft verbunden mit kulturellen Prägungen ein Problem, vor allem bei männlichen Jugendlichen und bei einem Teil wird man auch zu dem Schluss kommen müssen, dass pädagogische Methoden und Lehrkräfte absolut an ihre Grenzen kommen. Die große Gefahr ist aber, dass damit alle Schü-lerinnen und Schüler mit ihrem „nichtdeutschen Herkunftsstatus“ identifiziert werden und damit ihre individuelle Biografie, ihre Stärken und Schwächen nicht ausreichend ins Blickfeld geraten.
Die Schule und die Lehrkräfte müssen schon gefragt werden, warum es nicht gelingt, den größeren Teil der SchülerInnen, die ein Interesse daran haben, in einer friedlichen Atmosphä-re zu lernen und  respektvoll behandelt zu werden und zu handeln, für eine gemeinsame Schulgestaltung zu gewinnen und die Intensivtäter zu isolieren.
Einige Schüler/innen dieser Schule haben dies gemeinsam mit anderen Neuköllner SchülerIn-nen auf einer “Zukunftswerkstatt  der Heinrich-Böll-Stiftung“ im Juni 2003 sehr gut auf den Punkt gebracht. Sie möchten in ihrer Unterschiedlichkeit wahrgenommen und respektiert werden. Sie fühlten sich von den Lehrkräften, nicht entsprechend wahrgenommen. (siehe http://www.migration-boell.de/)

Was hat die zuständige Schulaufsicht getan, um die Schule zu unterstützen? Sind die Lehrer-zuweisungen daran orientiert worden, dass engagierte Lehrkräfte an die Schulen kamen? Was hat der Bezirk in den letzten Jahren unternommen, um soziale Netze und Bindungen herzu-stellen? Der Bezirksbürgermeister beschreibt seit Jahren die gescheiterte Integration, was tut der Bezirk zur Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule in diesen Quartieren? Er ist nicht zur Beschreibung, sondern zur Lösung von Problemen gewählt worden.

Was hat die Bildungspolitik, die Schulverwaltung und oberste Schulaufsicht getan, um diese Situation zu verhindern? Die Hauptschulen haben seit Jahren (Jahrzehnten) besondere Aus-stattungen und Bedingungen, damit sie mit kleineren Klassen arbeiten können. Der Beschluss, allen Hauptschulen jetzt Sozialarbeiter zur Verfügung zu stellen, ist richtig und sicher wäre es besser gewesen, dies schon früher zu tun. In den Medien ist die Politik derzeit aber die einzig Verantwortliche, auf die gedroschen wird. Eine solche Situation wie die an der Rütli-Oberschule ist aber von vielen verursacht worden, die sich auch ihrer eigenen Verantwortung stellen müssen. In Berlin wird gerne mit der Schuldzuweisung an Dritte gearbeitet, nur löst dies in der Regel nicht nachhaltig das Problem.

Die Schule erwartet eine andere Schülerzusammensetzung durch eine politische Entscheidung. Die benachbarte Realschule zur Kooperation oder gar Fusion zu motivieren, dürfte nach der Selbsteinschätzung und der öffentlichen Beschreibung der Rütli-Oberschule nicht leichter geworden sein.Hauptschulen, die bisher zu Haupt-und Realschulen geworden sind, haben dies in der Regel von sich aus angestrebt und haben versucht für Schüler mit Realschulempfehlung attraktiv zu werden. Dies dürfte für die Rütli-Oberschule schwer werden, haben sie sich selbst dafür nicht gerade das beste Zeugnis ausgestellt.

Für eine Fusionsdebatte muss ein Prozess eröffnet werden, der auch für Realschulen, deren Eltern und SchülerInnen eine positive Perspektive in Aussicht stellt. Was sollte dies in der jetzigen Situation sein? Solange nur erwartet wird, dass eine heterogene Zusammensetzung den Schwachen hilft, werden Realschuleltern ihre Kinder nicht als Sozialarbeiterersatz behan-delt sehen wollen. Es muss klar werden, worin die win-win-Situation besteht. Dies könnte sein: Die größere pädagogische Kompetenz von Hauptschulkollegien, die in sehr vielen Fäl-len sicher vorhanden ist. Auch Stärken von HauptschülerInnen müssen wahrgenommen und dargestellt werden. Ein Schüler, der wie im Brief dargestellt, der einzige ist, der zu Hause früh aufsteht, hat ein Recht darauf, dass diese Kompetenz anerkannt wird. Er zeigt eine hohe Motivation, an die auch angeknüpft werden kann und muss und von dem viele andere lernen können.Welche Möglichkeiten bietet die Schule, Kompetenzen auch von schwierigen Schülern zu erkennen und herauszustellen und mit ihren pädagogischen Ansätzen daran anzuknüpfen?

Eine Schule auch in schwieriger Lage muss einen großen Spielraum haben, eigene pädagogische Wege zu gehen, dafür braucht sie vielfältige Kompetenzen bei den Lehrpersonen, aber auch den Mut und den pädagogischen Optimismus eine wesentliche Rolle im Leben der Jugendlichen zu spielen.Die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung hat in ihrer 6. Empfehlung „Schule und Migration“ (in: Selbstständig lernen, Bildung stärkt Zivilgesellschaft, Hrsg.HBS Weinheim 2004) dazu keine Rezepte erarbeitet, aber hoffentlich zahlreiche Anregungen entwickelt.

Berlin, den 4. April 06

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