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Gewalt in der Schule

Von Martha Galvis de Janzer, Wolfgang Janzer, Susanne Dähner

Seit den ersten Anzeichen des Frühlings kommen die Menschen in Strömen in die ‚fusionstreet’, der Projektname für die im Neuköllner Norden gelegene Rütlistraße. Eigentlich ist das ein sehr erfreuliches Zeichen für die Macher des Projektes, den Verein FUSION-Intercultural Projects Berlin e.V. Seit 2002 wird hier ein öffentlicher Raum gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen zu einem bunten und lebendigen Aktions- und Kommunikationsraum gestaltet.
  
Aber die vielen BesucherInnen kommen nicht, um sich die Straße anzuschauen, die in Planungsworkshops mit Kindern und Jugendlichen aus Nord-Neukölln neu gedacht und für den Autoverkehr gesperrt wurde. Sie sind auch nicht hier, um im Straßencafé die ersten Sonnenstrahlen zu genießen und einen Kaffee zu trinken. Die zum Teil weit gereisten JournalistInnen hat etwas anderes in die Rütlistraße gelockt. Ein Brief der Lehrerschaft der Rütli-Oberschule, die auch in dieser Straße beheimatet ist. Der Brief, ein Hilferuf der Lehrerschaft über die herrschenden Zustände an der Rütli-Schule im Speziellen und eine Hinterfragung des Systems Hauptschule im Allgemeinen, ist inzwischen hinreichend bekannt. Er macht auf Probleme aufmerksam, die nicht erst seit ein paar Wochen existieren. Eine eindeutige Schuldzuweisung war und ist hier nicht möglich. SchülerInnen boykottieren den Unterricht, weil sie den Sinn eines Hauptschulabschlusses nicht sehen und LehrerInnen kapitulieren, weil sie ihre SchülerInnen nicht mehr annähernd erreichen. Die nun wieder ins Zentrum des Interesses gerückte und laut beschrieene Gewalt an der Schule ist eine erschreckende Folge, aber sicher nicht die Ursache des Scheiterns. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass Nord-Neukölln ein Problembezirk ist, ein sozialer Brennpunkt, der deswegen auch als Quartiersmanagement-Gebiet, d.h. als Gebiet mit besonderem Entwicklungsbedarf, ausgewiesen wurde. Auch die Probleme von Schulen in sozialen Brennpunkten sind nicht neu. Allein mangelt es an politischem Willen, sie konsequent anzugehen.

Doch interessieren wirklich die gravierenden und komplexen Probleme, die seit Jahren existieren und auf die jetzt von den LehrerInnen der Rütli-Schule in einem ‚letzten Akt der Verzweiflung’ öffentlich aufmerksam gemacht wurde? Die Art des medialen Ansturms auf die Schule, ihre Schüler und auch das benachbarte Jugendzentrum MANEGE lassen daran ernsthafte Zweifel aufkommen. Die „Terrorschule“ passt nur zu gut in das öffentliche Bild eines Stadtteils, der sehr gern als Sinnbild für die Folgen von Migration genutzt wird. Und wenn die Wirklichkeit in der Rütlistraße doch nicht so sensationell und gewalttätig ist? Dann zahlen JournalistInnen einschlägiger Medien schon gern mal einige Euro an die Rütli-SchülerInnen und erkaufen sich passende Aussagen und Fotos. Dann wird für 100 Euro ein Mülleimer für die Kameras aus dem Fenster geworfen. Kinder und Jugendliche sind sehr anfällig für mediale Aufmerksamkeit und zeigen gern, was von ihnen erwartet wird, wenn sie dadurch nur im Fernsehen oder der Zeitung landen. Der Skandal sind hier aber nicht die vermummten und steinewerfenden SchülerInnen, sondern die Medien, die diese Bilder erzeugen und zur Auflagen- bzw. Einschaltquotensteigerung weiterverbreiten. Hier wird mit Hilfe von Kamera und Fotoapparat eine Welt inszeniert, die nicht im Entferntesten mit der Alltagsrealität übereinstimmt und von den wahren Problemen ablenkt. Das aus der modernen Physik bekannte Problem: Der Beobachter beeinflusst und verzerrt durch die Art und Weise des Beobachtens das beobachtete Objekt. Heraus kommt für ganz Deutschland ein Bild, das suggeriert, die alltägliche Realität der Rütlistraße gleiche dem, was in Kreuzberg alljährlich am 1. Mai passiert.

Statt einer unangebrachten hysterischen ‚Ghetto-Berichterstattung’ kommt es jetzt aber vielmehr auf eine sachliche und kompetente Diskussion an, in der nicht ununterbrochen über die schlimmen Zustände lamentiert wird, sondern in der gemeinsam Konzepte entwickelt und schnell umgesetzt werden. Die Vorraussetzungen für die Rütli-Oberschule sind ideal, da vor ihrer Haustür bereits ein Projekt existiert, welches versucht, mit neuen und unkonventionellen Methoden die bekannten Probleme anzugehen. Mit dem Projekt ‚fusionstreet’ hat der Verein ‚FUSION Intercultural Projects Berlin e.V.’ einen öffentlichen Raum geschaffen mit dem Ziel, bei Kindern und Jugendlichen, Eltern und AnwohnerInnen, LehrerInnen und ErzieherInnen der benachbarten Schulen und Kitas Engagement und Verantwortung für den Kiez zu fördern und in kontinuierlicher täglicher Arbeit den Sozialraum positiv umzugestalten. Die Rütlistraße kann ein Bindungsglied zwischen Schule, Freizeit, Elternhäusern und öffentlichen Institutionen sein, wenn alle Beteiligten diese Chance erkennen und nutzen.

Seit der Verein den Jugendclub MANEGE gegenüber der Rütli-Schule mit einem Konzept projektorientierter Jugendarbeit, das mit der Jugendförderung Neukölln abgestimmt wurde, betreibt, ist er darum bemüht, die Schule mit in die Aktivitäten zu integrieren. So führte FUSION einen Planungsworkshop mit SchülerInnen der Rütli-Schule durch, bei dem die Umgestaltung der Rütlistraße in einen verkehrsfreien öffentlichen Raum angestoßen wurde und dessen Ergebnis die seit drei Jahren existierende ‚fusionstreet’ ist. Mit dem Projekt ‚Jugendstrassenkonferenz’ im Jahr 2004 wurde ein Diskussionsprozess zwischen LehrerInnen und SchülerInnen der Rütli-Schule angestoßen, bei dem Probleme miteinander genannt und Versuche gestartet wurden, sie gemeinsam anzugehen. Wichtig war für uns, die SchülerInnen zu Wort kommen zu lassen, sie als aktive Beteiligte in den Diskussionsprozess über Schule und Bildung einzubeziehen.

Leider wurden den aktiven Bemühungen des Vereins, mit der Schule zusammenzuarbeiten, immer wieder Grenzen gesetzt. Das Angebot von Projekten wurde selten als Chance und Bereicherung des Schulalltags gesehen, sondern mit der Angst um Mehraufwand abgelehnt.

Um die nun eskalierten Konflikte langfristig wirksam anzugehen, ist es unabdingbar, dass die Schule sich öffnet. Hinter abgeschlossenen Türen kann heute keine Wissensvermittlung mehr stattfinden. Zu sehr driften Lebensrealitäten und klassische Lehrinhalte auseinander, als dass  die traditionelle Form der Wissensvermittlung die SchülerInnen sinnvoll auf ein Leben nach der Schule vorbereiten könnte. Auch sind Schule und Freizeit keine sich gegenseitig abstoßende Pole.

Ein konzeptionell sinnvoll ausgerichteter Freizeitbereich, der die Kinder und Jugendlichen von der Strasse holt und sie in kreative Projekte einbaut, zeigt den Jugendlichen, dass sie ernst genommen werden, wirkt motivierend und trägt dazu bei, Frustration und Resignation zu überwinden. Aktive leistungsbereite engagierte Jugendliche sind ein Gewinn für die Schule und natürliche Verbündete für jeden engagierten und motivierten Lehrer. Dazu müssen LehrerInnen sich natürlich für die Freizeitaktivitäten ihrer SchülerInnen interessieren. In der MANEGE lässt sich jedoch nur äußerst selten ein Lehrer blicken. Die Einrichtung öffnet ja erst nach Schulschluss. Es ist wie ein 2-Schichten-Betrieb: Wenn die Frühschicht gegangen ist, übernimmt die Spätschicht die Arbeit am Jugendlichen.

Im Dezember 2005 hat FUSION beiden benachbarten Schulen, der Rütli-Oberschule und der Heinrich-Heine-Realschule eine Liste mit Vorschlägen über gemeinsame Projekte vorgelegt, die in den Unterricht integriert werden könnten: Projekte über Medienkompetenzgewinnung durch praktische filmische und musikalische Erforschung und Verarbeitung der eigenen Lebensrealität, Kunstprojekte zur Weitergestaltung der Strasse, Sport- und Akrobatikprojekte. Keine Resonanz. Das Schlagwort von der notwendigen Öffnung der Schulen zur Gesellschaft hin erweist sich aus unserer konkreten Erfahrung heraus als hohle Phrase. Und doch wäre es gerade in der Rütlistraße einfacher als anderswo, da hier Schule und Freizeit, Bildung und Jugendarbeit direkt benachbart sind an einem Ort, der dafür geschaffen wurde, diese beiden Bereiche zu verbinden. Beide Seiten könnten davon profitieren: Die Schule hätte höher motivierte Schüler, denen Lernen wieder Spaß macht und der Freizeitbereich hätte eine Klientel mit einem höheren Grad an Allgemeinbildung und damit die Möglichkeit, seine Standards zu erhöhen.

In der ‚fusionstreet’ liegen Problem und Lösungsansatz direkt beieinander. Ein aus dem vorletzten Jahrhundert stammendes, unmöglich gewordenes Bildungssystem, das dabei ist, den Geist aufzugeben, auf der einen Seite und eine neue Form von Jugendarbeit, die heutige Jugendliche in ihrer spezifischen sozialpsychologischen Disposition ernst nimmt und versucht, das Postulat der Persönlichkeitsentwicklung auch unter den schwierigen Bedingungen einer Metropole im 21. Jahrhundert mit experimentellen Methoden in die Realität umzusetzen.

Man muss es nur sehen wollen.

Etwas Gutes hat der ganze Medienkarneval doch: In Zukunft kann niemand mehr sagen, wir hätten nicht gewusst, was auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen geschieht.

 

Die AutorInnen dieses Beitrags arbeiten in der Jugendfreizeiteinrichtung FUSION e.V.
Mehr dazu hier

http://www.fusionstreet.com/
info@fusionstreet.com

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