von Tara Faye Dias
Die Jugendkrawalle in Frankreich liegen schon einige Wochen zurück und mir stellt sich unter anderem die Frage, welche Aufmerksamkeit die Ausschreitungen eigentlich an Berliner Schulen genossen haben und inwiefern darüber diskutiert wurde.
Wenn ich speziell an meine Schule, ein Gymnasium im Norden Berlins, denke, fällt mir im nachhinein ein, dass die Ausschreitungen im Geschichtsunterricht kurz angesprochen wurden und in meinem Politikwissenschaft-Kurs eine ganze Schulstunde lang darüber diskutiert wurde. Bei einer Freundin von mir wurde die prekäre Lage in Frankreich noch ausführlicher in ihrem Französisch-Kurs ausgewertet. Jedoch war es im Endeffekt mehr oder weniger abhängig von den gewählten Kursen der SchülerInnen, ob dieses Thema nun genauer besprochen wurde oder nicht.
Eine mögliche Frage, ob solche Ausschreitungen eventuell in Berlin auftreten könnten, kam jedoch in keiner Diskussionsrunde auf. Von Seiten der SchülerInnen wurde kein Wunsch nach einem ausführlicheren Auswerten des Themas ausgesprochen, welches aber nicht bedeutet, dass ein Desinteresse auf Seiten der SchülerInnen bestand. Die Lehrer jedoch gingen auch nicht weiter auf die Thematik ein, was womöglich mit dem Einhalten des Rahmenplanes zusammenhing. Trotzdem wäre ein ausführlicheres Besprechen des Themas mit den SchülerInnen, da ja gerade diese sich auf Grund des jugendlichen Alters am meisten angesprochen fühlen sollten, sinnvoll gewesen. Da dies nicht der Fall war, habe ich mich privat mit FreundInnen über dieses Thema auseinandergesetzt.
Bei der Frage, ob die Krawalle in Frankreich zu rechtfertigen sind, sind sich viele einig gewesen, dass Gewalt zu keiner Lösung führt. Jedoch zeigten einige auch zum Teil Verständnis für die Jugendlichen, die sich an den Krawallen beteiligten. Diese, zum größten Teil als Kinder von MigrantInnen in Frankreich aufgewachsen, fühlen sich schon längst als Franzosen bzw. sind es auch. Vom Staat und von der Gesellschaft jedoch werden sie nicht akzeptiert und regelrecht ausgegrenzt.
Andererseits waren einige der Meinung, dass man eventuell hätte anders reagieren sollen, also ohne Einsatz von Gewalt. Meine FreundInnen und ich als akzeptierter Teil der Gesellschaft können es jedoch eher weniger nachempfinden, wie sich die ausgeschlossenen Jugendlichen fühlen. Denn wie wir in solch einer Lage womöglich selber reagiert hätten bzw. versuchen würden auf unser Leid aufmerksam zu machen, ist ungewiss. Die Jugendlichen in Frankreich hatten schon seit Jahren versucht, auf ihre prekäre Lage mit Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Ausgrenzung in der Gesellschaft durch friedliche Protestaktionen aufmerksam zu machen. Wurden jedoch kaum erhört.
Auch in Deutschland haben wir das Problem, dass es zum einen Jugendliche gibt, die ganz normal als Heranwachsende von der Gesellschaft akzeptiert werden, und zum anderen Jugendliche, die auf Grund sozialer Nachteile von der Gesellschaft von vornherein ausgegrenzt werden. Ein Teil dieser verachteten Jugendlichen sind Kinder mit einem Migrationshintergrund. Diese fühlen sich abgelehnt und werden abgelehnt. Sie sehen von vornherein keine Zukunftsperspektiven, da diese ihnen nicht geboten werden.
Um solchen Kindern zumindest ein wenig entgegen zu kommen, hätten vor Jahren schon Integrationskonzepte durchgeführt werden müssen. Ein Ansatz wären z.B. verpflichtende Sprachkurse. Denn die Landessprache zu können, ist eine Grundvoraussetzung. Die Kommunikation mit anderen folgt dann automatisch.
Ob Krawalle in Berlin ausbrechen könnten, wurde nicht sicher beantwortet. Nach Meinung einiger wäre es einerseits möglich, da so genannte „Parallelwelten“ in Berlin existieren. In diesen haben unter anderem Kinder von MigrantInnen, ähnlich wie in den Banlieues, wenig Chancen auf einen Arbeitsplatz. Andererseits würden die Krawalle nach Meinung der meisten nicht so schwerwiegend ausfallen wie in Frankreich. Die Situation dort in diesen „Gettos“ hat doch noch eine andere und extremere Dimension erreicht. Viele Eltern der Franzosen mit Migrationshintergrund sind meist von vornherein in diese sozialen Brennpunkte gezogen. Was auch verständlich ist, da man anfangs meist automatisch zu Gleichgesinnten mit gleicher Kultur zieht. Jedoch hatten ihre Kinder somit kaum eine Chance, in einem Umfeld ohne hohe Arbeitslosigkeit und Gewalt aufzuwachsen. Und deshalb ist der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Anerkennung bei den französischen Jugendlichen dementsprechend intensiver.
Fakt ist, dass Gewalt meiner Meinung nach und der Meinung anderer FreundInnen niemals eine Lösung ist. Jedoch muss man im Fall der Ausschreitungen in Frankreich insbesondere nach den Gründen und Ursachen für diese heftigen Ausbrüche forschen und immer überlegen, wie man selber in solch einer Lage handeln würde. Denn wie man sieht, wurde erst durch Mittel der Gewalt zumindest erreicht, dass die Öffentlichkeit über Frankreich hinaus über die unmenschlichen Umstände, wie z.B. enge Wohnräume und tägliche Kriminalität, in den Banlieues aufmerksam wurde.
November 2005
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Mit großer Aufmerksamkeit habe ich zufällig den Beitrag von Frau Dias zur Lage junger Franzosen gelesen. Frau Dias, mich freuen insbesondere Ihre politische Aussagekraft, Ihre kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Themen junger Menschen und Ihre Bereitschaft, sich für Veränderungen einzusetzen. Es ist in hohem Maße begrüßenswert, daß eine junge Frau nach inneren Widersprüchen polischer Entwicklungen sucht und aktiv versucht Lösungen zu finden.
Ich wünsche Ihnen tatkräftige Mitstreiterinnen. Verlieren Sie nicht den Mut, wenn Sie dabei ab und an auch Enttäuschungen erleben.
Alles Gute für Sie
Helmut Liske