Heinrich-Böll-Stiftung   Migration   Integration   Diversity  
     
  Integrationspolitik Citizenship & Demokratie Religion Arbeit Bildung Kunst & Kultur Projekte  
     
   
 
zurück

Martin Riexinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Arabistik/ Islamwissenschaft an der Universität Göttingen.

 
 
 
DITIB
von Martin Riexinger

Das „Präsidium für religiöse Angelegenheiten“ in der Türkei (Diyanet)

Zu den Gemeinplätzen über den Islam gehört, dass er keine Priesterschaft kenne, die sich zwischen Gott und den Gläubigen schiebt. Gleichwohl hat sich mit den Religionsgelehrten (ulema) ein Berufsstand mit religiösem Führungsanspruch herausgebildet. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Gelehrten immer stärker in das staatliche Herrschaftsgefüge integriert. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Bürokratisierungs- und Hierarchisierungsprozess im Osmanischen Reich mit einer Institution, welche die Ämter von Richtern, Rechtsgutachtern und Vorbetern vergab.

Nach der Errichtung der türkischen Republik im Jahre 1923 durch Mustafa Kemal (später Atatürk), versuchte die Regierung den Islam so weit wie möglich aus der Öffentlichkeit zu verdrängen und zugleich ihn umzugestalten. So durften im Sinne der neuen nationalistischen Ideologie nur mehr auf türkisch gebetet und zum Gebet gerufen werden (1952 rückgängig gemacht). Der Staat nutzte aber weiterhin das institutionelle Gerüst der verstaatlichten Gelehrtenschaft, um die religiösen Aktivitäten der Bevölkerung zu kontrollieren.

Das "Präsidium für religiöse Angelegenheiten" (Diyanet Isleri Baskanligi) wurde schließlich 1946 gegründet, als die Türkei vom kemalistischen Einparteienstaat zum Mehrparteiensystem überging. Es gibt in der Türkei keine legalen islamischen Religionsausübungen außerhalb der "Diyanet", wenn man davon absieht, dass die Ausbildung der religiösen Funktionsträger den Universitäten und dem Erziehungsministerium obliegt. Gleichwohl bestehen religiöse Strömungen abseits des staatlich kontrollierten Islam, wie die islamistische Milli Görüs-Bewegung, die sich zu einer politischen Partei entwickelte, und die Gemeinschaft der Nurcus und der Süleymancis, die sich vor allem der Lektüre und der Publikation der Werke ihrer Gründerfiguren widmen. Angehörige dieser Strömungen waren und sind jedoch vielfach Beamte der Religionsbehörde. Dies gilt, um zwei ebenso prominente wie gegensätzliche Beispiele zu nennen, für den so genannten "Kalifen von Köln" Cemalettin Kaplan, wie für Fethullah Gülen, den Propagandisten eines "gemäßigten Islam", der von den säkularen Eliten zunächst gehätschelt, dann aber 1998 fallengelassen wurde. Ohnehin verbreitet die Diyanet nicht die kemalistische Staatsideologie, wie manchmal zu lesen ist. Vielmehr vertritt sie ein auf das Ritual und Jenseitsvorstellungen beschränktes Islamverständnis, das mit einer vorsichtigen Tendenz zur Anpassung an technische und organisatorische Erfordernisse der Moderne einhergeht.

Gründung und Struktur von DITIB

Der türkische Staatsislam zeigte zunächst wenig Interesse, die türkischen Arbeitsmigranten in Westeuropa zu betreuen. Jene gründeten eigenständig Vereinigungen um ihre Religion zu praktizieren. Daneben nutzen die Strömungen abseits des Staatsislams die Möglichkeit, nun eigene religiöse Organisationen aufzubauen: So gründeten die Süleymancis bereits 1973 das Islamische Kulturzentrum in Köln, aus dem schließlich der Verband der Islamischen Kulturzentren hervorging, und Milli Görüs ist in Deutschland seit 1976 präsent. Zahlreiche türkisch islamische Gemeinden schlossen sich jedoch nicht diesen Verbänden an.  Sie warben offensichtlich vielfach eigenständig in der Türkei ausgebildete Vorbeter an.

Zu Beginn der 1980er Jahre wurde jedoch der türkische Staat aktiv. Einerseits war er besorgt, dass das entstandene Vakuum in Deutschland (bzw. Westeuropa), islamistischen Organisationen einen Rekrutierungsfeld und Rückzugsraum zur Verfügung stellen könnte. Andererseits stand dies im Zusammenhang damit, dass die türkische Regierung zu dieser Zeit ganz allgemein bestrebt war, die Auslandstürken wieder stärker an das Mutterland anzubinden, da deren Devisenüberweisungen infolge der Familienzusammenführung immer spärlicher ausfielen.

So wurde 1984 in Köln, wo bereits die anderen türkisch-islamischen Vereinigungen ihren Sitz hatten, die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V." gegründet, aus deren Erweiterung die DITIB -Organisation hervorging. In der Folgezeit schlossen sich ihr zahlreich bereits bestehende oder neu ins Leben gerufene türkisch-islamische Vereine an. Die Mitglieder der einzelnen Gemeinden (in Ballungsgebieten existieren auch Gemeindeverbünde), werden laut Satzung automatisch Mitglieder von DITIB. Die Vorstände werden vom lokalen Verein gewählt, während die "Religionsbeauftragten" (din görevlisi), also die Imame aus der Türkei entsandt werden und der Aufsicht des Religionsbeauftragten des jeweils zuständigen Konsulats unterstehen. In den Niederlanden wurde das Gegenstück bereits 1979 gegründet, mittlerweile bestehen Ableger der türkischen Religionsbehörde zudem in Österreich, der Schweiz, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Norwegen und Schweden.

Aufgrund ihrer starken Ausrichtung auf die Türkei ist DITIB kein Mitglied eines der islamischen Dachverbände "Zentralrat der Muslime in Deutschland" und "Islamrat e.V.", die von Konvertiten und arabischen Muslimbrüdern bzw. Milli Görüs dominiert werden. Lange bestand DITIB darauf, dass  islamischer Religionsunterricht für türkische Schüler in türkischer Sprache zu erfolgen habe. Die Organisation manövrierte sich dadurch in die Isolation, obwohl ihr 72% der in religiösen Vereinen organisierten türkischen Muslime angehören, weil vor allem Milli Görüs mit einigen eloquent deutsch sprechenden Kadern, DITIB als integrationsfeindlich denunzieren konnte. Die Tatsache, dass die große Mehrheit in Vereinen organisierten türkischen Muslime bei DITIB zu finden ist, deutet jedoch daraufhin, dass die Verquickung mit den politischen Interessen des türkischen Staates, so kritikwürdig sie nach europäischem Verständnis scheinen mag, vielfach als normal wenn nicht gar legitim empfunden wird.

Unter dem jetzigen Vorsitzenden, Ridvan Çakir vollzog DITIB einen Kurswechsel. Nun präsentierte sich die Organisation als Repräsentantin eines gemäßigten, integrationsbereiten Islam, zum Beispiel in der Kopftuchfrage. (s. Interview in der ZEIT) Die Strategie erwies sich als erfolgreich, als die Demonstration unter dem Motto "Hand in Hand für Frieden gegen Terror" in Köln am 21.11.2004 bei Medien und Politikern auf großes Interesse stieß.

Die DITIB-Gemeinden

Als Problem bei der Beurteilung von DITIB erweist sich, dass diese Organisation wissenschaftlich fast allein unter dem Gesichtspunkt untersucht worden ist, welche Interessen der türkische Staat mit ihr verfolgt. Welche Interessen und Weltanschauungen in den einzelnen Gemeinden dominieren, ist schwer zu erkunden, zumal es außer den Webseiten einiger Gemeinden keinerlei Quellen gibt, aus denen sich dies erschließen ließe.

Laut der Studie "'Euro-Islam': Das neue Islamverständnis in der Migration" des Essener Zentrums für Türkeistudien sind die Mitglieder der DITIB-Gemeinden etwas weniger religiös als die Mitglieder von Milli Görüs und dem Verband der islamischen Kulturzentren, zudem sind sie etwas älter und häufiger in der Türkei geboren. Sie geben außerdem häufiger allein die Türkei als ihre Heimat an als Deutschland oder beide Länder.

Es ist zu vermuten, dass sie im politischen Spektrum der Türkei mehrheitlich zu der rechten Mitte neigen, wobei zu bedenken ist, dass dieses Lager bei den Parlamentswahlen im Oktober 2002 mehrheitlich die AKP von Tayyip Erdogan unterstützt hat (teils aus Überzeugung, teils als kleineres Übel). Allerdings berichtet die Studie "Demokratiegefährdende Phänomene in Kreuzberg und Möglichkeiten der Intervention" des Zentrums für demokratische Kultur mit Bezug auf Berlin, dass dort DITIB stark mit der Türk Federasyonu, dem Ableger der rechtsradikalen Nationalen Bewegungspartei (MHP), verflochten ist (S. 73 ff.).

Die meisten Webseiten von DITIB-Gemeinden sind völlig apolitisch, eine Ausnahme stellt allerdings die "Dortmund Merkez Camii" dar, auf der sich Links zu den antijüdischen und antifreimaurerischen Verschwörungstheorien von Harun Yahya (d.i. Adnan Oktar), zum rechtsextremen Onlinemagazin "Ötüken" finden, sowie Publikationen der religiös-nationalistischen Ihlas-Gruppe. Darüber hinaus finden sich Verweise auf Formblätter zur Abmeldung von Mädchen vom Schwimmunterricht, und juristische Informationen zum Tragen des Kopftuchs in der Schule, am Arbeitsplatz und auf Passbildern, die nicht zu der von Çakir vorgegebenen Linie passen.

Dies zeigt, dass das Spektrum der Gemeinden durchaus nach rechts ausfransen kann. Auf einen gewissen islamischen Triumphalismus deuten auch einige Moscheenamen hin, die ebenfalls häufig bei Milli Görüs anzutreffen sind, wie Ayasofya (Hagia Sophia), Aksa (Felsendom), Fatih (Eroberer) oder Fetih (Eroberung), doch überwiegen neutrale Bezeichnungen wie Merkez Camii (Zentralmoschee), oder Bezüge zu bedeutenden Vertretern des türkisch-islamischen Geisteslebens (Mevlana, Mimar Sinan, Yunus Emre) sowie zu bedeutenden Moscheen  in Istanbul oder Bursa.

Viele DITIB Gemeinden, vor allem in Klein- und Mittelstädten sind Teil des  allgemeinen türkischen Vereinslebens bzw. nur Ableger des türkischen Arbeitnehmervereins. Wie andere türkisch-islamische Vereinigungen unterstützen sie nichtreligiöse Aktivitäten wie Deutsch- und Computerkurse, wobei neben der Werbung um Mitglieder, ihre Wahrnehmung als integrationsfördernd der Öffentlichkeit, den Behörden und lokalen Mandatsträgern eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielen dürfte.
Insgesamt scheinen sich DITIB-Gemeinden von Ort zu Ort stark zu unterscheiden, so dass es nicht angebracht ist von wissenschaftlicher Seite allgemeine Ratschläge zu erteilen. Die Organisation wird weniger durch eine gemeinsame Weltanschauung zusammengehalten, als durch ihre politische Ausrichtung. Nicht zuletzt dadurch, dass die Anbindung an die türkische Mutterorganisation in bestimmten Fragen, wie Moscheebau, Pilgerfahrt und islamgerechte Überführung von Toten, sehr hilfreich ist.


November 2005