von Yunus Ulusoy
Die ersten Gründungen von Moscheevereinen in Deutschland orientierten sich in erster Linie an religiös-geistigen Strömungen in den Herkunftsländern. Im Falle der Türken organisierten sich zuerst religiöse Strömungen in Deutschland, die sich in der Türkei nicht vom DIYANET, dem staatlichen Amt für Religionsangelegenheiten, das sich streng an der laizistische Staatsordnung der Türkei orientiert, vertreten fühlten. Sowohl DIYANET, als auch der türkische oder der deutsche Staat, ignorierten lange Jahre die religiösen Bedürfnisse dieser Menschen und gaben ihnen keinerlei Hilfestellung. Die aus der Türkei stammenden Strömungen konnten sich in diesem religiösen Vakuum daher relativ schnell und leicht in Deutschland etablieren. Die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.) wurde erst 1985, also 24 Jahre nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei mit Unterstützung der DIYANET gegründet.
Aufgrund der Rückkehrorientierung der ersten Migranten, die noch lange aufrecht erhalten wurde, besaßen die türkisch-muslimischen Organisationen eine starke Türkeizentrierung, Die religiösen und sozialen Dienste orientierten sich dabei auf die Bedürfnisse der Gläubigen in der Diaspora.
Diese Organisationen sind jedoch auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen und sozialen Entwicklung unter den Türken in Deutschland. Folglich ist in den neunziger Jahren mit fortschreitender Verbleibeabsicht eine Hinwendung auf Deutschland einhergegangen, die jedoch die Bewahrung der muslimischen Identität einschließt. Die stärkere Orientierung auf migrationsbedingte und damit soziale und gesellschaftliche Themen brachte auch die Notwendigkeit mit sich, sich gegenüber den deutschen Entscheidungsträgern als Gesprächspartner der muslimischen Seite zu offerieren.
Die muslimischen Organisationen in Deutschland können keinen Anspruch auf eine islamimmanente Organisationsstruktur erheben. Denn eine solche vorgeschriebene „islamische“ Organisationsform gibt es im sunnitischen Islam nicht. Insofern sind alle muslimischen Dachverbände und Moscheevereine organisatorische Reaktionen auf die formalrechtlichen Rahmenbedingungen der Mehrheitsgesellschaft. Sie werden konfrontiert mit der hierarchischen und organisatorischen Ordnung in Deutschland, bei der die staatlichen Strukturen auf kompatible kirchliche Strukturen treffen. Die muslimischen Organisationen und Gesellschaften weisen eine solche duale Entwicklung nicht auf. Die muslimischen Organisationen können ihre Existenz und ihre Geltungsansprüche nicht theologisch rechtfertigen, sondern durch die praktische Akzeptanz und Frequentierung ihrer Einrichtungen durch die gläubigen Muslime.
Die DITIB ist der jüngste türkisch-islamischer Dachverband in Deutschland. Sie blickt auf eine 20-jährige Geschichte zurück. Heute repräsentiert die DITIB nach eigenen Angaben 875 Moscheevereine und ist somit aufgrund der Anzahl der Mitglieder und der Gemeindeangehörigen der mit Abstand größte Dachverband in Deutschland. Die DITIB genießt somit den größten Zuspruch unter den türkischstämmigen Muslimen. Nach einer Befragung des Zentrums für Türkeistudien unter 2.000 türkischstämmigen Muslimen gaben im Jahre 2001 58% der Befragten an, dass sie sich von der DITIB repräsentiert fühlen. Unter den Befragten waren 36% Mitglied in einem Moscheverein und davon 72% bei DITIB-angegliederten Vereinen. Die anderen muslimischen Verbände erhalten in der Regel nur die Anerkennung derjenigen türkischen Muslime, die eine religiös-ideologische Nähe zu ihnen aufweisen. Die DITIB hingegen genießt nicht nur den Zuspruch der eigenen Gemeindeangehörigen, sondern auch den Zuspruch der meisten nicht organisierten türkischen Muslime.
Trotz der Anerkennung durch die türkischen Muslime selbst wird die DITIB von Teilen der deutschen Öffentlichkeit kritisch betrachtet, auch wenn sich seit dem 11. September 2001 die Einstellung der deutschen Öffentlichkeit zur DITIB insgesamt verbessert hat. Der Hauptgrund für die kritische Betrachtung von DITIB liegt in der organisatorisch-personellen Nähe von DITIB zu DIYANET und damit zum türkischen Staat. Man vermutet darin eine staatliche Einflussnahme der Türkei auf DITIB. In Deutschland wird prinzipiell die Einflussnahme des Staates auf Religionsgemeinschaften abgelehnt. Trotz dieser Grundhaltung gibt es jedoch auch in Deutschland eine enge Zusammenarbeit und Verzahnung zwischen Staat und Kirche, wie z.B. das Eintreiben der Kirchensteuer durch die Finanzbehörden. Diese Zusammenarbeit in Deutschland ist auf die säkularen Traditionen und damit zusammenhängenden Staatsverträge mit den Kirchen zurückzuführen.
Die Kritik stützt sich in erster Linie darauf, dass der Botschaftsrat für religiöse Angelegenheiten der Republik Türkei traditionell zum Vorsitzenden der DITIB gewählt wird und dass die meisten Imame von der DIYANET entsendet und bezahlt werden. Diese Kritikpunkte sind jedoch zugleich aus Sicht der türkischstämmigen Muslime in Deutschland die Grundlage für den großen Zuspruch, den sie der DITIB zukommen lassen. Darin sehen sie die Garantie dafür, dass die DITIB keiner Infiltrierung durch politisch-fundamentalistische Strömungen ausgesetzt wird und somit ihre laizistische Grundhaltung und parteipolitische Neutralität bewahren kann.
Die DITIB bekennt sich aufgrund ihrer laizistischen Grundhaltung ohne Wenn und Aber zur Rechts- und Verfassungsordnung in Deutschland. Nach dem 11 September geriet diese besondere Qualität der DITIB stärker ins Blickfeld und erfuhr mehr Würdigung durch die deutschen Entscheidungsträger. Trotz dieser einsetzenden neuen Sichtweise ist die dargelegte Grundkritik nicht verstummt. Es ist verständlich, dass die Öffentlichkeit in Deutschland eine einheitliche islamische Organisationsform bevorzugt, die der eigenen Tradition entspricht und keine organisatorische oder personelle Verzahnung mit dem Herkunftsland aufweist. Jedoch ist diese einseitige Betrachtung zu verkürzt und geht an den Lebensrealitäten und Traditionen der Muslime vorbei. Nicht nur die meisten Muslime, sondern auch die meisten Selbstorganisationen weisen Verbindungen zu gleichgesinnten Strukturen in ihren Herkunftsländern auf. Diese Strukturen aufzubrechen oder aufzulösen ist nicht die Sache der Mehrheitsgesellschaft, sondern der betroffenen Menschen und Organisationen.
In diesem Zusammenhang sollte daher nicht vergessen werden, dass in der Diaspora althergebrachte Einstellungen und Traditionen konserviert werden, die im Herkunftsland stärker dem Wertewandel unterliegen. Die Türkei als Beitrittsland der EU macht einen Modernisierungs- und Reformprozess durch, der über die vorhandnen Bindungen auch positive Einflüsse auf den Integrationsprozess in Deutschland ausüben wird. Insofern sind die Bindungen zum Herkunftsland nicht per se integrationsschädlich.
Aufgrund der Tatsache, dass drei Viertel der Muslime aus der Türkei stammen und sich mehr als die Hälfte der türkischen Muslime von der DITIB repräsentiert fühlen, kann die DITIB bei den Fragen des Zusammenlebens zwischen Muslimen und Christen im allgemeinen und der Frage des muslimischen Ansprechpartners im besonderen von den deutschen Entscheidungsträgern nicht übergangen werden. Daher sollte auch der Dialog zwischen DITIB und der Mehrheitsgesellschaft intensiviert werden.
November 2005