„The black face is a construction of the white face“ - Grada Kilomba
Seit Anfang 2012 ist die Debatte um rassistische Darstellungspraxen auf deutschen Bühnen wieder vermehrt im Gespräch und wird oftmals hitzig diskutiert. Initiiert wurde die Debatte von „Bühnenwatch“, einem Zusammenschluss von Aktivistinnen und Aktivisten, die sich zum Ziel gesetzt haben Rassismus auf Bühnen zu beenden. Stereotype Rollen, Besetzungs- und Aufführungspraxen sind keine Seltenheit in deutschen Theatern und Opernhäusern. Die Praxis des „Blackfacing“, dem schwarz schminken von weißen Schauspieler_innen, ist dabei nur ein Symptom, das dem eigentlichen Problem rassistisch strukturierter Machtverhältnisse zugrunde liegt
Wir widmen uns in diesem Schwerpunkt der Frage danach wie Rassismus und rassistischen Aufführungspraxen im Theater begegnet werden kann? Erst kürzlich fragte André Schmitz, Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten in der Berliner Senatskanzlei, „wie weiß ist die Kunst?“ und warf die Frage nach einer Quote auf. Doch auch hier lauern Fallstricke, denn wer ist eigentlich gemeint mit „Migrationshintergrund“? Wer wird als dazugehörig gesehen und wer ausgegrenzt? Denn von wem reden wir eigentlich und wieso sind diese „nicht-deutsch“ aussehenden Menschen von vorneherein „Fremde“, die entweder gar nicht auf Bühnen repräsentiert sind oder in Nischenrollen besetzt werden?
Die Institutionalisierung stellt dabei eine Möglichkeit dar, einen Wandel in der Theaterlandschaft einzuleiten. Dazu müssen vor allem neue Entscheidungsträger_innen, Schauspieler_innen, Regisseure und Autor_innen zum Zug kommen können. Bestes Beispiel für diesen Paradigmenwechsel ist das Ballhaus Naunynstrasse mit seinem Konzept des "Postmigrantischen Theaters". Dabei reicht es nicht nur die Zusammensetzung der Ensembles zu verändern, auch im Repertoire muss umgedacht werden, um tatsächlich die Diversität der Bevölkerung auch im Theater repräsentieren zu können.
Beiträge
Passend zum Schwerpunkt Theater und Diskriminierung lässt die Journalistin Elisabeth Gregull in ihrer Audio-Reportage Annemie Burkhardt, Koordinatorin von „Berlin braucht dich!“, Eren Ünsal, Leiterin der Berliner Antidiskriminierungsstelle und die Schauspielerin Lara-Sophie Milagro zu Wort kommen, die über strukturelle Diskriminierung im Kulturbetrieb und die interkulturelle Öffnung der Berliner Verwaltung berichten.
Der Beitrag von Dr. Azadeh Sharifi hat die „Blackfacing Debatte“ um das Deutsche Theater zum Anlass genommen, um die Möglichkeiten und Grenzen eines „postmigrantischen Theaters“ zu erkunden. Sie geht dabei auf erste Impulse, wie die des Schauspiel Köln ein, skizziert die Freie Theater Szene und berichtet über die Ergebnisse ihrer Dissertation, in der sie „Postmigrant_innen“ zu ihren Erfahrungen mit Partizipationsmöglichkeiten und Repräsentation im Theater befragt hat.
Die Schauspielerin Lara-Sophie Milagro schreibt über die (Un)Möglichkeit von Schwarzen und People of Color-Schauspieler_innen an deutschen Theatern, das Problem der Definitionshoheit und das Selbstverständnis eines weiß dominierten Kulturbetriebs, in dem Schwarze Menschen, wenn überhaupt, höchstens eine Nebenrolle spielen.
"Kann es denn rassistisch sein, wenn ich es nicht rassistisch meine" von der Dozentin und Performerin Julia Lemmle kontextualisiert die Normalität rassistischer Darstellungen im Theater in Zusammenhang mit den Debatten um das Deutsche Theater in Berlin. Sie dekonstruiert dabei aus rassismuskritischer Perspektive den medialen Diskurs über die "Blackfacing Debatte" und die Selbstverständlichkeit weißer Definitionsmacht.
Juli 2012 |