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Omid Nouripour

Omid Nouripour ist Mitglied des Bundesvorstands von Bündnis 90/Die Grünen.

 
 
 
Religiöser Pluralismus
von Omid Nouripour

Seit dem 11. September hat das Interesse am Islam massiv zugenommen. Qualifizierter ist die Debatte darüber leider nicht geworden. Da tauchen selbsternannte "Experten" auf, die den Islam als Religion des Krieges bezeichnen. Dann kommen selbsternannte "Repräsentanten" der Muslime in Deutschland und sagen uns, der Islam sei die Religion des Friedens. Beide Aussagen sind grundfalsch. Der Islam ist, wie andere Religionen auch, was man aus ihm macht. Wie die Religion im Alltag gelebt wird, macht sie erst aus.

Es ist Aufgabe der Politik, einen verbindlichen Rechtsrahmen zu setzen, an den sich auch Anhänger einer Religion halten müssen. Wir müssen den Islam in die Mitte der Gesellschaft holen. Und es ist Aufgabe der Politik, diejenigen zu stärken, die für die Vielfalt und Rechtsstaatlichkeit eintreten, auch und gerade wenn sie nicht organisiert sind. Es kann nicht angehen, dass Prediger in den Moscheen gegen die Rechtsstaatlichkeit predigen. Deshalb brauchen wir dringend Vorbeter, die an deutschen Universitäten ausgebildet sind. Es geht nicht darum, dass in Moscheen in deutscher Sprache gepredigt wird, wie Konservative fordern.

Seit Martin Luther ist das Recht, in selbstgewählter Sprache zu beten, unantastbar. Es geht aber darum, dass Imame als Vorbilder auch die Alltagsrealität der Gläubigen verstehen und sich auf diese einlassen können. Aus Gründen der Gleichbehandlung und Integration brauchen wir einen islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen in deutscher Sprache. Wir müssen den jungen Menschen aus islamischen Familien die Chance geben, sich über ihre Religion informieren zu können. Wir müssen ein Gegenangebot schaffen gegenüber den Hinterhöfen. Wir müssen darüber hinaus den innerislamischen Dialog ernstnehmen und fördern.

In den islamischen Ländern gibt es teilweise intensivere Debatten über die Vereinbarkeit von Islam und Moderne, von Islam und Demokratie, von Islam und Frauenrechte als in den muslimischen Communities in Deutschland. Wir müssen den Menschen muslimischen Glaubens - ob organisiert oder nicht - das Angebot eines Dialogs auf gleicher Augenhöhe machen. Ein Dialog fern von Blauäugigkeit und Vorurteilen ist entscheidend. Dabei ist es wichtig, dass keine Kuschelforen entstehen, in denen sich Mehrheit und Minderheit gegenseitig Toleranz bescheinigen.

Der kritische Dialog, bei dem der Dissens am Anfang steht, ist das Herzstück eines konfliktfähigen Konsenses beider Seiten auf der Grundlage der freiheitlichen Grundordnung der Bundesrepublik. Und dieser Konsens ist zentral, um den sozialen Frieden zu bewahren. Alles andere heißt, den Kampf aufzugeben um die Köpfe und Herzen der jungen Menschen, die noch zu gewinnen sind für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie für die Gestaltung der multikulturellen Gesellschaft.

Februar 2006