von Ralf Fücks
English Version: Relgioius Freedom and the Republic
Die anhaltende „Kopftuchdebatte“ – darf eine muslimische Lehrerin in einer öffentlichen Schule ein Kopftuch tragen? – hat die alte Frage neu aufgeworfen, welchen Raum religiöse Symbole in staatlichen Institutionen haben dürfen. Was über Jahrhunderte in Deutschland und Europa selbstverständlich war – die Verquickung von Christentum und Erziehungswesen – ist einer weitgehenden Trennung von Kirche und Staat gewichen. Entsprechend hat das Bundesverfassungsgericht einer Klage gegen das Kruzifix in bayrischen Klassenzimmern als Verletzung des staatlichen Neutralitätsgebots stattgegeben, der Religionsunterricht ist nicht mehr obligatorisch und in Brandenburg gänzlich durch einen weltanschaulich indifferenten Ethik-Unterricht ersetzt.
All das ist Ausdruck einer tiefgreifenden Säkularisierung von Staat und Gesellschaft, die in Europa mit der Industrialisierung einsetzte und ihren ersten radikalen Höhepunkt in der französischen Revolution fand. Die Jakobiner proklamierten nicht nur die Trennung von Staat und Kirche, sondern führten einen regelrechten Kreuzzug gegen „religiösen Aberglauben“ und das Pfaffentum – eine Tradition, die sich in den verschiedenen Spielarten des revolutionären Sozialismus fortsetzte, der selbst für ein kurzes Jahrhundert zu einer Art innerweltlicher Religion wurde. Daß sich die revolutionären Bewegungen Europas in der Neuzeit zugleich gegen Kirche und Religion wandten, war vor allem eine Konsequenz aus der unheiligen Allianz von Thron und Altar, die sich seit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion des römischen Reiches herausgebildet hatte. Die Kirche (in ihrer katholischen Gestalt wie in den verschiedenen Spielarten des Protestantismus) gehörte zum Kernbestand des Feudalismus wie der absolutistischen Monarchien; sie rechtfertigte die Leibeigenschaft wie die kolonialen Greuel, predigte Gehorsam gegen die Obrigkeit, gehörte zu den größten Grundbesitzern und identifizierte sich mit Herrschaftsverhältnissen, die weit entfernt waren von der humanen Botschaft des Neuen Testaments. Diese historische Erfahrung prägte die Sicht der progressiven politischen Bewegungen in Europa bis in das 20. Jahrhundert – die christlichen Kirchen standen für „die Reaktion“, auch wenn es in ihren eigenen Reihen immer wieder Bestrebungen gab, sie im Sinne eines sozialen Christentums zu reformieren.
Heute sind in Europa fast alle Bastionen weltlicher Macht der Kirchen geschliffen. Selbst in den Kernländern des traditionell konservativen Katholizismus sind Abtreibung und Ehescheidung legalisiert, und ein Verdikt des Papstes gegen die „Homoehe“ ist eben kein Machtwort mehr, sondern wird als Meinungsäußerung einer anachronistischen Institution zur Kenntnis genommen und ad acta gelegt. Von einer Wiederbelebung des Kirchenkampfs kann keine Rede sein – dazu fehlt es der Kirche schlicht an Macht. Religion ist zur Privatsache geworden, und selbst für die schwindende Minderheit der aktiven Christen sind nicht mehr die Kirchenoberen die letzte Instanz für den rechten Glauben, sondern das individuelle Gewissen. Insbesondere die protestantischen Kirchen haben nichts unversucht gelassen, sich ein „fortschrittliches“ Image zuzulegen und Anschluß an die sozialen Bewegungen der Moderne zu bekommen, von der Theologie der Befreiung und den Christen für den Sozialismus bis zum Feminismus und der Ökologie. Kirchentage sind heute eine Art christliches Woodstock mit einer Mischung aus spirituellen Erbauungsangeboten und politisch korrekten Inhalten. Das ist keine taktische Konzession an den Zeitgeist, sondern bringt Sein und Wollen eines Großteils des aktiven Kirchenvolks zum Ausdruck.
In diese allseits entspannte Lage platzt der Streit um die Frage, ob eine aus Afghanistan kommende, in Deutschland ausgebildete Lehrerin muslimischen Glaubens mit Kopftuch unterrichten darf. Er wird mit bemerkenswerter Leidenschaft und mit sehr unterschiedlichen Motiven geführt: Alice Schwarzer sieht die Errungenschaften des Feminismus durch ein islamisch-konservatives roll back gefährdet; andere befürchten den Vormarsch islamistischer Strömungen in Deutschland, für die der Islam keine Privatreligion ist, sondern ein verbindlicher gesellschaftlicher Kodex, der höher steht als die Gesetze eines nicht-islamischen Staates; türkische Kemalisten übertragen die innenpolitische Auseinandersetzung aus ihrem Mutterland auf ihre neue Heimat; umgekehrt ist für viele Muslime das Kopftuch zum Symbol geworden, ob der christlich geprägte deutsche Staat den Islam als gleichberechtigte Religion akzeptiert und auf die berufliche Diskriminierung gläubiger Muslime verzichtet.
Es liegt kein Segen darauf, so viele unterschiedliche kulturelle und politische Streitfragen am Fall einer Lehrerin auszutragen, die das Recht beansprucht, einem von ihr so interpretierten religiösen Gebot auch im Unterricht folgen zu dürfen. Aber ausgetragen werden müssen sie, um das Selbstverständnis einer modernen Einwanderungsgesellschaft öffentlich zu klären.
Was für Christen, Juden oder Buddhisten in Deutschland gilt, muß auch für Muslime gelten – daß sie ihrer religiösen Überzeugung auch in ihrem persönlichen Habit (Kleidung, Haartracht, Kopfbedeckung, Schmuck) und auch an ihrem Arbeitsplatz Ausdruck geben können. Gleichzeitig gilt für alle Lehrer das Gebot der Zurückhaltung, wenn es um die Beeinflussung der ihnen anvertrauten Schüler geht: Indoktrination und Propaganda jeder Art haben im Klassenzimmer nichts verloren. Das ist allerdings keine Frage der Kleiderordnung, sondern der kritischen Schulöffentlichkeit und notfalls auch der Schulaufsicht.
Schwieriger wird es, wenn muslimische Eltern ihren Töchtern unter Berufung auf ihre religiöse Tradition verbieten wollen, an Klassenfahrten oder am koedukativen Sportunterricht teilzunehmen: hier kollidieren religiös verbrämte Geschlechternormen mit dem Gleichberechtigungsgrundsatz und hart errungenen Vorstellungen einer emanzipatorischen Bildung (auch wenn inzwischen angesagt ist, im Unterricht stärker auf geschlechtsspezifische Zugänge und Methoden einzugehen, stellt das nicht das Prinzip der Koedukation in Frage). Bevor in solchen Konflikten schweres Geschütz aufgefahren wird, ist es sicher angebracht, persönliche Überzeugungsarbeit zu leisten und zu versuchen, den Eltern einige Befürchtungen zu nehmen. Im Zweifel muß hier aber die Mehrheitsgesellschaft auf der Allgemeinverbindlichkeit ihrer Normen beharren, statt sich unter dem Banner religiöser Toleranz damit abzufinden, daß demokratische Errungenschaften der Moderne für Teile der Gesellschaft außer Kraft gesetzt werden. Das gilt erst recht für Praktiken wie Zwangsverheiratung, die eklatant gegen die Menschenrechte verstoßen. Einen „Sonderrabatt“ für religiöse Minderheiten im Hinblick auf grundlegende Rechtsnormen kann es in einer Demokratie nicht geben.
Ein Zurück hinter die Trennung von Kirche und Staat, hinter den Rückzug der Kirchen aus der Sphäre der politischen Macht, steht in Europa nicht zu befürchten, und auch außerhalb unseres Kulturkreises stößt der „Gottesstaat“ auf wachsende Kritik in den aufgeklärten, weltoffenen Teilen der Bevölkerung. Das iranische Exempel wirkt unter dem Strich auch in der islamischen Welt eher abschreckend als ermutigend, auch wenn islamistische Bewegungen nach wie Zulauf als Fundamentalopposition gegen Globalisierung und westliche Moderne erhalten. Die Auseinandersetzung über das Verhältnis von Religion und säkularem Staat bekommt allerdings durch die massenhafte Immigration aus anderen Kulturkreisen auch für unseren Kontinent eine neue, unerwartete Aktualität.
Der Säkularismus europäischer Prägung ist keineswegs Allgemeingut, und als post-religiöse Gesellschaft, in der das Christentum für die Mehrheit der Bevölkerung zu einem unverbindlichen „kulturellen Hintergrund“ geworden ist, sind wir eher die Ausnahme als die Regel in der Welt. Die christlichen Kirchen verzeichnen heute weltweit etwa 2 Milliarden Mitglieder, zum Islam bekennen sich rund 1 Milliarde Menschen, etwa 800 Millionen gehören zum hinduistischen Kulturkreis, der Buddhismus gewinnt neue Anhängerschaft über Asien hinaus. Nach wie vor prägen religiöse Traditionen, Überzeugungen und Praktiken den Alltag der Mehrheit der Menschen auf dem Globus, und in vielen Regionen ist die Frage „An welchen Gott glaubst Du“ selbstverständlicher als die Frage nach dem Beruf. Auch in der industrialisierten Welt gibt es ein bemerkenswertes, hierzulande oft mit kopfschüttelndem Unverständnis beobachtetes Gegenbeispiel zur religiösen Erkaltung Europas: die USA sind eine religiös sehr viel lebendigere Gesellschaft als die meisten europäischen Länder, und zwar nicht erst seit der Masseneinwanderung katholisch geprägter Latinos und dem Aufkommen islamischer Bestrebungen unter den Afro-Amerikanern. Es lohnt sich, einen kurzen Blick auf dieses Beispiel einer Einwanderungsgesellschaft par excellence zu werfen, wenn wir etwas über unsere eigene mögliche Zukunft erfahren wollen.
Die Präsenz der Religion im gesellschaftlichen und politischen Leben der USA und die enorme Vielfalt von Kirchen und Gemeinden gehen Hand in Hand mit der konstitutionellen Trennung von Kirche und Staat, die mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Nordamerika besiegelt wurde. Das hat die amerikanische mit der französischen Revolution gemeinsam. Ein signifikanter Unterschied besteht jedoch darin, daß die erste französische Republik einen nicht nur antiklerikalen, sondern antireligiösen Charakter hatte, während die USA als politisches Gemeinwesen von religiösen Minderheiten gegründet wurden, die unter dem Banner der Religionsfreiheit aus dem repressiven Europa in das neue gelobte Land strebten: Nordamerika versammelte alle religiösen Strömungen, die auf dem alten Kontinent von den jeweiligen Staatskirchen als Häretiker verdammt und verfolgt wurden.
Stand in Frankreich die Republik gegen die Religion, so war in den USA die Religionsfreiheit ein zentrales Element der Republik – und diese Traditionen wirken auf beiden Seiten bis heute fort. Nicht von ungefähr berief sich J.F. Kennedy bei seiner Antrittsrede als Präsident auf die Botschaft, daß alle Menschen Kinder Gottes sind, um ihre unveräußerlichen Rechte zu begründen: „Die Menschenrechte gehen nicht aus der Großmut des Staates hervor, sondern aus der Hand Gottes“. Und es ist Ausdruck der Vielfalt wie des Zusammenhalts der amerikanischen Einwanderungsgesellschaft, wenn wenige Tage nach dem Anschlag vom 11.September im New Yorker Yankee-Stadion die Repräsentanten aller erdenkbaren Religionsgemeinschaften auftraten, um ihr Mitgefühl mit den Opfern und ihre Verbundenheit mit dem politischen Gemeinwesen zu bekunden, dem dieser Angriff galt.
Ein wenig von dieser souveränen Gelassenheit im Umgang mit religiöser Vielfalt möchte man auch der künftigen Bundesrepublik wünschen. Zu akzeptieren, daß Deutschland künftig nicht nur multiethnisch, sondern multireligiös sein wird, steht der Herausbildung einer gemeinsamen politischen Loyalität gegenüber der Republik und ihrer Verfassung nicht entgegen, sondern befördert sie.
Oktober 2003