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Die Autorinnen Hatice Gündogdu und Ulrike Zenk bei der Vorstellung ihres Buches. Die beiden engagierten Lehrerinnen unterrichten in Integrationsklassen und setzen sich für interkulturelle Verständigung ein. Foto: Ai Lan Na-Schlütter

 
 
 
Rezension
Buchbesprechung von Dagmar Alfes

Das Thema Integration ist in aller Munde. Gerade im schulischen Umfeld stellt sich tagtäglich die Frage, wie Kinder und Jugendliche deutscher und ausländischer Herkunftsländer angeleitet werden können, sich mit gegenseitiger Offenheit zu begegnen und mit- und voneinander zu lernen. Oft fehlt das Wissen um die gegenseitigen kulturellen, sozialen und religiösen Hintergründe und das Miteinander ist immer noch durch Klischees und Vorurteile geprägt.

Die Autorinnen Hatice Gündogdu und Ulrike Zenk sind Lehrerinnen am Gertrud-Bäumer-Berufskolleg in Lüdenscheid/Plettenberg und dort Mitglieder des Arbeitskreises Integration. Sie beschäftigen sich mit türkischstämmigen MigrantInnen und setzen sich für die Verständigung zwischen diesen und deutschen SchülerInnen ein. In ihrem Buch wählen die Autorinnen einen ungewöhnlichen Weg der Dokumentation: Sie schreiben sich Briefe und setzen sich auf sehr persönliche Art und Weise mit der Thematik auseinander. Durch die Briefform bekommt das Geschriebene eine sehr individuelle Note und lädt zur Teilhabe an privaten Erfahrungen mit Integrationsfragen ein. Die Texte sind leicht verständlich und leserfreundlich  
Hatice Gündogdu/Ulrike Zenk
Kampf der Kulturen? Zwei Frauen gestalten Integration.
Verlag Books on Demand GmbH, Norderstedt 2008
und wenn der eine Brief gelesen ist, begibt man sich gespannt zu den Kommentaren und Antworten, die der nächste Brief parat hält.

Familientraditionen – was wir voneinander wissen

Hatice Gündogdu ist türkischstämmige Deutsche und lud Ulrike Zenk ein, anlässlich des Muttertags ihre Familie kennen zu lernen. Ulrike Zenk war angetan von der Wärme und Gastfreundschaft und zugleich überrascht, dass sie ihr Bild einer intakten türkischen Großfamilie dahingehend revidieren musste, dass es auch hier geschiedene und alleinerziehende Familienmitglieder gab.

Die Mutter hat, wie Hatice Gündogdu erklärt, einen besonderen Stand in der Familie. Frauen, die Kinder bekommen haben, genießen – anders als in deutschen Familien - einen anerkannteren Status als Frauen ohne Kinder. Aus der Erfahrung mit Schülerinnen wissen die Pädagoginnen, dass es in manchen Familienverbünden auch vor Ort noch üblich ist, für die Kinder Ehepartner zu suchen und sie ohne Rücksicht auf emotionale Bindungen miteinander zu vermählen. Familienehre scheint wichtiger als das Glück des Einzelnen zu sein, Gehorsam gegenüber den Eltern mehr als vertrauensvoller Austausch und Verständnis gegenüber den Wünschen nach Selbstverwirklichung. Hier sieht Ulrike Zenk ein Hemmnis für die freie Selbstentfaltung junger türkischstämmiger Mitmenschen.

Dabei haben sich, wie Hatice Gündogdu betont, auch in der türkischen Gesellschaft Familienstrukturen gelockert. Es existieren zwar noch alte Schablonen, aber es wird deutlich, dass diese in Wandlung begriffen sind. MigrantInnen in Deutschland haben das Problem, dass sie einerseits auf ihre alten Strukturen angewiesen sind und gleichzeitig neue Muster auftun müssen, um Integrationswege in die Gesellschaft zu finden.

Probleme bei der Übernahme von Lebensstilen werden von Deutschen damit erklärt, dass MigrantInnen nicht fähig seien, sich anzupassen. Dabei liegt vielmehr eine Orientierungslosigkeit vor, weil das Alte nicht mehr zählt und neue Wege für Viele noch nicht erkennbar sind. MigrantInnen fühlen sich in beiden Welten fremd. In der türkischen Gesellschaft gehören sie nicht mehr zu den unhinterfragten Mitgliedern und in der deutschen Gesellschaft haben sie größtenteils ihre Position noch nicht gefunden. Viele geraten dadurch in eine Identitätskrise, die nur bewältigt werden kann, wenn sich MigrantInnen einerseits ihrer Wurzeln bewusst sind und andererseits offen dafür sind, neue Strukturen auf dieser Basis aufzubauen.

Pädagogische Unterstützung bei Identitätsarbeit

Identität ist mittlerweile kein feststehendes Konzept mehr, sondern ein Projekt, das man als Identitätsarbeit beschreiben kann. Innere und äußere Erfahrungen werden situativ angepasst und stimmig miteinander verknüpft. Dabei spielen nach Heiner Keupp Selbstgestaltung, lebenslanges Lernen, Selbstachtsamkeit, emotionale Intelligenz und Kreativität eine entscheidende Rolle.

Die Aufgabe der PädagogInnen besteht darin, Identitätsarbeit sensibel zu begleiten und zu unterstützen. Dabei ist der achtsame und rücksichtsvolle Umgang mit der subjektiven Welt der SchülerInnen genauso zentral wie die Kommunikation über biographische Lebensereignisse mit besonderer Auswirkung auf die jeweilige Selbstwahrnehmung und die Unterstützung neuer Zukunftsperspektiven und Selbstwertgefühle. Mit ihrer neuen Identität sollen sich MigrantInnen frei fühlen, konstruktiv an einer multikulturellen Gesellschaft teilzuhaben, eigene Religionsentscheidungen oder auch Partnerwahlen zu treffen. Türkische MigrantInnen mit deutschem Pass sollen sich selbstbewusst als Deutsche oder – wie Seyran Ates vorschlägt – als „Deutschländer“ (Synonym für türkischstämmige Deutsche, die in Deutschland leben) bezeichnen, denn klare Namen haben identitätsstiftende Wirkung.

In der Schule finden sich viele türkischstämmige Mädchen, die sich im Spagat zwischen den traditionellen Forderungen ihrer Herkunftsfamilie und modernen Angeboten freier und gleichberechtigter Selbstverwirklichung befinden. Dabei sind Integrationskräfte wie Hatice Gündogdu mit ihrem eigenen türkischstämmigen Hintergrund von unschätzbarem Wert.

Um den wertschätzenden Bezug zur eigenen Ursprungskultur herzustellen organisiert Ulrike Zenk klassenübergreifende Reiseprojekte in die Türkei. Da viele Deutsche die Türkei noch gar nicht erlebt haben und die jungen Deutschländerinnen ihr Herkunftsland oft nur durch Ferienbesuche bei den Verwandten kennen, werden bei diesen Bildungsreisen bewusst Einblicke in die kulturellen Schätze des Landes gegeben. Auch über diese Projekte wird eine gegenseitige kulturelle  Akzeptanz vermittelt, die in einem Verständnis einer transkulturellen Gesellschaft münden kann. So kann sich ein neues Heimatgefühl entwickeln, indem die Türkei als Heimat der Eltern- und Großelterngeneration und Deutschland als neue eigene Heimat begriffen wird. Darüber hinaus entwickeln sich auf emotionale Weise neue Wertstrukturen bei allen Beteiligten, die Vorurteile verschwinden und neue Identifikationsmuster aufscheinen lassen.

Vorurteilen in der Schule begegnen

Die Vorurteile in unserer Gesellschaft betreffen Deutsche und Nicht-Deutsche gleichermaßen. Der Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit trifft die Deutschen nicht ohne Grund, ist aber keine Haltung, mit der man letztendlich die Defizite in der Gesellschaft entlarven kann. Was nützt es, einen Teil der Gesellschaft für Probleme verantwortlich zu machen, die alle betreffen? Wäre es nicht besser, das gemeinsame Potenzial freizusetzen, um Lösungen zu entwickeln und die Integrationsdebatte endlich zu beenden?

Hatice Gündogdu beschreibt ihre SchülerInnengruppen, die offenbar den problematischen Teil der Gesellschaft repräsentieren, ohne zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen zu unterscheiden. Beide Gruppen sind identisch, was ihr Verhalten betrifft, sie wehren sich beispielsweise gegen Leistungseinforderungen, weil sie nicht daran gewöhnt sind. Daher ist es wichtig, zunächst eine emotionale Beziehung zu den SchülerInnen herzustellen - danach erfüllen sie die gestellten Aufgaben ohne Probleme.

Um die Schülerschaft gleich behandeln zu können, müssen auch die nicht-deutschen SchülerInnen dieselben Chancen bekommen, beispielsweise was den Erwerb der deutschen Sprache betrifft. An Schulen mit hohem MigrantInnenanteil sollte nicht schlechter als an anderen Schulen gearbeitet werden, die Erfahrung zeigt, dass man sich darauf leider nicht verlassen kann. Es scheint, dass mit den migrationsstarken Schülergruppen Unterschichten gebildet werden, obschon die Erfahrung zeigt, dass junge MigrantInnen im Unterricht oft zu den Leistungsträgern gehören, wenn sie entsprechend gefordert und gefördert werden. Es ist klar: Wer türkischstämmige SchülerInnen als Problemfall definiert, klammert sich unreflektiert an alte Vorurteile.

Ulrike Zenk fordert daher – in Anlehnung an Regeln der systemischen Therapie – eine Fokusverschiebung bei der Problembeschreibung an Schulen. Danach sollten nach dem Prinzip der Allparteilichkeit Schulleitung, SchülerInnen und LehrerInnen versuchen, sich in das jeweilige Teilsystem der anderen einzufühlen. LehrerInnen sollten aktiv eingreifen, wenn sie beispielsweise einem Machtkampf eines Kollegen oder einer Kollegin gegenüber einer türkischstämmigen Gruppe beiwohnen und Hilfestellungen anbieten. Das Positive sollte betont und Ressourcen wie beispielsweise die Förderung der türkischen Sprache an Schulen oder die Bereitschaft der Zusammenarbeit in der türkischstämmigen Elternschaft sollten mobilisiert werden.

Auf emotionaler Ebene ist es möglich durch Erfahrungen miteinander eine gegenseitige Wertschätzung und Gleichheit ethischer Zielsetzungen zu erreichen. So dokumentiert das Buch der beiden Autorinnen eine Freundschaft, die jenseits aller Integrationsdebatten wächst und offen ist für neue Facetten.

Persönliche Schlussbemerkungen

Die Briefe setzen einen Dialog im Kopf in Gang, der bunt und bewegt ist, der sachliche Gedanken generiert, aber auch Emotionen, persönliche Betroffenheit, Mitdenken, Mitgefühl und zwischendurch auch Distanz. Das Thema Integration ist nicht neu und wird in unserer Gesellschaft sehr unterschiedlich gelebt und wahrgenommen, ist in vielen Kontexten und Beziehungen auch kein Thema mehr. Am Gertrud-Bäumer-Berufskolleg ist es wieder in den Fokus gerückt.

Es handelt sich um eine sehr faire Auseinandersetzung, das Bemühen um Ehrlichkeit und das gleichzeitige Streben nach Gleichgewicht wird genauso deutlich wie die offene Art, Persönliches mitzuteilen, aber auch Politisches zu beschreiben, anzukreiden, zu fordern und mitzubestimmen. Der türkisch-deutsche Dialog ist ungewohnt in der Direktheit der Kommunikation, erinnert aber auch an eigene Beziehungen zu türkischen oder türkischstämmigen Menschen. Die Intensität der Beziehung zwischen den Autorinnen ist stark und von Lernen geprägt, ohne dass sie Scheu haben auch Fehler einzugestehen.

Die Erkenntnis, das wir alle, egal ob türkisch, kurdisch, ghanaisch, persisch oder deutsch, ein ähnliches Wahrnehmungssystem haben, welches dazu führt, dass wir Vorurteilen erliegen, dass wir uns hinreißen lassen von vorschnellen Lösungen, Kategorisierungen, Attribuierungen ist die menschlichste aller Erkenntnisse. Das Wissen um das Funktionieren von Beziehungen, Systemen und Schutzmechanismen hilft uns deutlich weiter. Frieden und Integration sind keine Prozesse, die 1:1 planbar oder kalkulierbar sind, sondern solche, die in höchstem Maße sensibel und von Friedensbereitschaft, von der Fähigkeit mit Angst umzugehen, von Risikobereitschaft, Vertrauen und vor allem von Liebesfähigkeit abhängig sind.

Die Autorinnen haben es geschafft, einen Weg zu gehen, der diese Gedankenströme aufdeckt und der zeigt, wie es sein kann sich anzunähern und sich immer wieder aufeinander einzulassen.

März 2009

 

Dagmar Alfes ist Lehrerin für Psychologie und Englisch am Gertrud-Bäumer-Berufskolleg in Lüdenscheid und Seminarausbilderin für das Fach Psychologie an Berufskollegs am Studienseminar Hagen.