Lange Zeit wurde die Literatur migrantischer SchriftstellerInnen als "nicht-deutsche" Literatur und daher als Nischenliteratur verortet. Über die drei Generationen literarischen Schaffens migrantischer AutorInnen in Deutschland haben sich viele verschiedene Ausdrucksformen interkultureller Identitätskonzepte entwickelt.
Interkulturelle Literatur ist weitmehr als lediglich eine Literatur im "Dazwischen" der Kulturen. So hat sich insbesondere die Postkoloniale Theorie mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und neue Herangehensweisen und Begrifflichkeiten entwickelt, die auch zunehmend die deutsche Diskussion im Umfeld der Migrationsforschung bestimmen. Der von Homi Bhabha entwickelte Begriff des Hybriden und des Third Space, des Dritten Raumes, ist mittlerweile ein in der deutschen Literatur- und Kulturwissenschaft immer wichtiger gewordenes Konzept.
- Immacolata Amodeo, Professorin für Literatur an der Jacobs University Bremen, beleuchtet in ihrem Beitrag den in Verbindung mit der Ersten Generation migrantischer AutorInnen entstandenen Begriff der „Betroffenheit“. Sie weist vor dem Hintergrund institutioneller Marginalisierungs- und Exotisierungstendenzen auf die zunehmende öffentliche Wahrnehmung von migrantischen AutorInnen hin und stellt Aspekte des Rhizoms als alternatives und hierarchieneutrales Modell für das Verständnis von Kultur vor.
- Franco Biondi, einer der bekanntesten Autoren der sogenannten Ersten Generation, der „Gastarbeiterliteratur“, hat sich besonders durch seine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Betroffenheit“ im interkulturellen Diskurs bemerkbar gemacht. Im Interview schildert er die Anfänge der Migrationsliteratur und migrantischer Literaturkreise im Deutschland der 60er und 70er Jahre sowie den Beginn seiner poetischen Auseinandersetzung mit dem Alltagsleben als italienischer Fabrikarbeiter und reflektiert aus heutiger Sicht die damalige ästhetische Diskussion und Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur.
- Die Literaturwissenschaftlerin Karin Yesilada zeigt in ihrem Beitrag neue Kultur- und Identitätsentwürfe in der deutsch-türkischen Literatur von AutorInnen der sogenannten Zweiten Generation auf und geht dabei der Frage nach, inwieweit die klassische Situation von MigrantInnen, „zwischen den Stühlen“ zu sein, für „Ausländer mit deutschem Pass“ noch aktuell ist und wie dies von den AutorInnen ästhetisch umgesetzt oder aufgebrochen wird.
- Zafer Senocak hat insbesondere durch sein 1986 erschienenes Plädoyer den Begriff der „Brückenliteratur“ geprägt. Als Sohn eingewanderter Eltern wird er zu den AutorInnen der Zweiten Generation gezählt und schreibt sowohl in deutscher als auch in türkischer Sprache. Im Interview diskutiert er die Frage, inwieweit die „doppelte Identität“ und Zweisprachigkeit sein Schreiben prägen und welche Rolle Biografie und Hybridität für die Topographie und Geschichte in seinem Werk spielen.
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Aglaia Blioumi, Dozentin für deutsche Literatur und Kultur an der Universität Athen, analysiert in ihrem Beitrag inter- und multikulturelle Konzepte sowie Raumpraktiken hegemonialer Diskurse und beleuchtet, hinsichtlich der auch hier immer populärer werdenden Begriffe wie der „Hybridität“ und des „Third Space“, Einflüsse der amerikanischen Kulturforschung auf die deutsche Diskussion und Parallelen zur „Postkolonialen Literatur“ der Commonwealth-Länder und „Minority-Literatur“ in den USA.