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Dr. Sabine Schiffer ist Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen.

 
 
 
Rezension
Sabine Schiffer stelt das Buch von Charlotte Wiedemann vor 

Das Buch der Autorin Charlotte Wiedemann, die u.a. für Die Zeit, Die Weltwoche und qantara.de berichtet, tut gut. Wo fast täglich Meldungen von tragischen Einzelschicksalen muslimischer Frauen den Eindruck erwecken, es sei ein Fluch Gottes als Muslimin geboren zu sein, wird hier einmal jenseits der stets gebotenen journalistischen Kürze über Frauen und Länder und Männer berichtet.

Dass der gebetsmühlenartig wiederholte Topos von der Gleichsetzung „säkular“ = „modern“ falsch ist, zeigt Wiedemann nicht nur am Beispiel der Türkei (vgl. dazu den Beitrag ihres Kollegen Michael Thumann in 

Die Zeit vom 15.05.2008),  sondern auch an den facettenreichen Emanzipa- tionsbestrebungen in Pakistan und einigen Golfstaaten. Probleme werden nicht ausgespart, aber die Auswahl der Gesprächspartner und Partnerinnen ermöglicht ein differenziertes Bild und überrascht so manches Mal. Damit erinnert das Buch an das von Naila Minai, „Schwestern unterm Halbmond“ (1984), das nicht mehr aufgelegt wird.

Zu gerne werden offensichtlich die Necla Keleks und Seyran Ates’ verlegt und gekauft, die die Erwartungen vieler Leser bestätigen – vom repressiven, vor allem die Frauen unterdrückenden Islam. Bücher wie etwa das von Hilal Sezgin „Typisch Türkin?“ haben es dagegen schwer, in gleicher Weise wahrgenommen zu werden.

 

Wiedemann, Charlotte: „Ihr wisst nichts über uns.“ Meine Reise durch einen
unbekannten Islam.


Es enthält ebenso wahre Fälle wie die anderen, aber auf Grund der weniger stereotypen Auswahl bietet es nicht die Möglichkeit der zuspitzenden Verallgemeinerung wie die zuvor genannten.

Im Gegensatz zu Sezgins Taschenbuch, das auf dem Cover eine dunkelhaarige, modisch gekleidete junge Frau zeigt, die wahrscheinlich eher als Spanierin wahrgenommen wird, dürfte der Aufmerksamkeitsgrad für Wiedemanns Buch auf den ersten Blick höher sein. Denn hier lockt das Cover mit ganzkörperverschleierten Frauen in schwarz, die durch den gerade einmal freien Augenschlitz Zeitung bzw. ihre Studienhefte lesen. Schon ist das erste Klischee in Frage gestellt und so geht es weiter. Da ist von anspruchsvollen und pragmatischen Frauen in Wirtschaft und Politik in Saudi-Arabien die Rede, von einem Nord-Süd-Konflikt in Nigeria, dessen soziale Gründe meistens ausgeblendet bleiben. Auch Orte in Libyen, Syrien und die „Zwillinge“ Jemen und Oman stehen auf dem Reise-Programm.

Und im dämonisierten Iran lassen sich plötzlich verschiedenste Menschen wahrnehmen: Man erfährt von der Manie der Nasenoperationen, vom Outing und den Problemen Homosexueller, die heute ganz andere sind als die man erwarten würde, von einer Anwältin, die sich gegen die Todesurteile für Minderjährige einsetzt, vom hohen Ausbildungsgrad vor allem von Frauen, von Denkern wie Meybodi, der Staat und Religion getrennt sehen will – die Meinung eines Geistlichen aus dem theologischen Zentrum Qom. Der Vergleich des Iran mit einer Zwiebel scheint gerechtfertigt und wir haben nicht einmal die äußersten Schichten durchdrungen.

In Bezug auf die Situation von Frauen scheint Pakistan das breiteste und widersprüchlichste Spektrum an Modi vivendi zu bergen. Von der totalen Unterordnung im paschtunischen Westen, wo das Purdah-Prinzip die Frauen unsichtbar macht, bis hin zum Kinnaird-College für weibliche Studierende in der Kulturmetropole Lahore im Osten ist es ein weiter Weg. Und während die Aurat-Stiftung landesweit für Fortschritte in Sachen gleichwertige Partizipation eintritt, gibt es nach wie vor schlimmste Misshandlungen von Frauen, derer sich etwa die prominenten Anwältinnen Asma Jahangir und Hina Jilani annehmen. Obwohl uns vielleicht gar nicht so fremd, in diesem Land scheint es besonders ausgeprägt, dass Männer vor Frauen, die ihnen überlegen sein könnten, Angst haben – es wird deutlich, dass Gewalt und reaktionäres Denken zum Teil Ausdruck dieser Angst sind.

In Ägypten beschränkt sich die Reisetätigkeit auf die Al-Azhar-Universität in Kairo, die mit ausreichend Vielfalt an Studienfächern und Eindrücken aufwartet. Die älteste noch existierende Universität der Welt ist auf 18 Standorte in Ägypten verteilt und beherbergt 175000 Studierende und 16000 Lehrkräfte. Zu den 65 Fakultäten gehören religiöse Studien ebenso wie Ingenieurswissenschaften – und das alles zweigeteilt in Männer- und Frauenbereiche. Die Zahl der weiblichen Studierenden steigt stetig und wird bald 50 Prozent erreicht haben – kein außergewöhnliches Phänomen mehr in der islamischen Welt. Im 16. Jahrhundert war Frauen der Zugang zur universitären Bildung verboten worden. Im Fatwa-Komitee gibt es bisher nur eine einzige Frau und die erstellt auch im Fernsehen lebensberatende islamische Gutachten. Telefonhotline und schriftliche Anfragen runden das Spektrum an Orientierungshilfe ab. Großscheich Tantawi irritiert und provoziert nicht nur seine deutschen Gäste, sondern auch Studierende wie Staatsbürger gleichermaßen. Er unterstützt das französische Kopftuchverbot und verurteilte schon früh die Taliban wegen Frauenunterdrückung.

Die Kampagne gegen die Mädchenbeschneidung, die die Universität sich auf die Fahnen geschrieben hat, geht auf seine Stellungnahme zurück, dass diese afrikanische Sitte islamisch nicht zu rechtfertigen sei. Und während man sich begutachtend mit den Herausforderungen der globalisierten Welt auseinandersetzt – künstliche Befruchtung, Gentechnik – reift die Erkenntnis, dass es stimmen könnte, was Studierende und Professoren der Autorin vorwerfen und was schließlich zum Buchtitel wurde.

Wiedemann bleibt nahe am Menschen und verweist quasi indirekt auf größere Zusammenhänge – vor allem für Vorinformierte. Die stilvoll formulierten Widersprüche zu den Erwartungen machen neugierig. Auf die kurzweilige Lektüre mit viel Einblick und Empathie kann man sich entspannt einlassen. Der nächste unerwartete Seitenblick kommt bestimmt. Die belletristische Reise durch einen immer noch weitestgehend unbekannten Teil der islamischen Welt kann vielleicht helfen eines Tages die Meinung zu korrigieren, die das Cover ziert: „Ihr wisst nichts über uns!“

Wiedemann, Charlotte (2008): „Ihr wisst nichts über uns.“ Meine Reise durch einen unbekannten Islam. Freiburg: Herder. 224 Seiten, ISBN 978-3-451-301-3


Mai 2008