| Immer wieder wird behauptet, dass man fremden Kulturen oder Religionen nur begegnen könne, wenn man seine eigene ausreichend kenne. So beliebt diese Behauptung auch sein mag, sie unterschlägt, dass in einer pluralistischen Gesellschaft nicht nur religiöse Menschen leben: Pietistische Christen treffen da auf atheistische Juden oder säkulare Muslime, Agnostiker auf Menschen, die sich als religiös bezeichnen, sich aber keiner Religionsgruppe zugehörig fühlen, buddhistische Mystiker kommen in Kontakt mit selbsterklärten Kulturprotestanten.
Ganz gleich wie vielfältig die individuellen Einstellungen zur Religion auch sein mögen, alle Akteure verbindet, dass sie ein Bild vom Eigenen haben und sich ein Bild von dem ihm Fremden machen. Die Ambivalenz zwischen Eigenbild und Fremdbild schwingt bei jedem Kontakt mit und verschärft sich in einer Gesellschaft, in der verschiedene Glaubensüberzeugungen und religiöse Praktiken nebeneinander bestehen, die unterschiedlich religiös begründete Wahrheitsansprüche präsentieren. Das Bild von der eigenen Beziehung zur Religion wird dann nicht selten zur Richtschnur für alle erhoben, während das Andere exotisiert wird und als Projektionsfläche der eigenen Ängste und Befürchtungen herhalten muss. |