Wie lange wohnt ihr in Neukölln? Wohnt ihr gerne hier?
Sevil: Ich wohne seit 23 Jahren in Neukölln und es gefällt mir hier sehr gut.
Osman: Ich wohne seit 13 Jahren hier und mir gefällt es auch sehr gut in Neukölln.
Was gefällt Euch hier besonders gut?
Osman: Mir gefällt, dass hier viele unterschiedliche Menschen leben und dass man mit denen gut klar kommt.
Sevil: Da wo ich wohne, finde ich besonders gut, dass man eine echte Nachbarschaft und Gemeinschaft hat, wo sich die Leute treffen und austauschen.
Wenn Ihr Besuch habt, der nicht aus Berlin kommt, was zeigt ihr ihm in Neukölln?
Sevil: Neukölln ist sehr groß und es gibt hier auch viele ruhige Ecken. Wenn sich jemand wirklich dafür interessiert, wie das hier läuft, würde ich ihm wohl den Rollbergkiez, den Schillerkiez und die Gropiuspassagen zeigen. Die Gropiuspassagen sind eher ruhiger, im Rollbergkiez und Schillerkiez ist dagegen ziemlich viel los.
Osman: Ich würde ihnen hier direkt das FUSION und die Manege zeigen und dann noch das Viertel hier, von Rathaus Neukölln bis Hermannplatz.
Neukölln ist ein Bezirk mit vielen sozialen Problemen, gleichzeitig leben hier viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Religionen zusammen. Wie funktioniert das Zusammenleben aus Eurer Sicht?
Osman: Meiner Ansicht nach wird zu wenig Geld in den Bezirk gesteckt. Ein Beispiel ist das FUSION selbst, wir haben sehr viele Jugendliche hier, aber zu wenig Geld. Daher kann man nicht richtig viel unternehmen. Das multikulturelle Zusammenleben in Neukölln finde ich gut, man lernt unterschiedliche Leute und Kulturen kennen und insgesamt funktioniert es auch eher gut, ich sehe da nicht so viele Probleme.
Sevil: Ich denke, dass alle Leute hier die gleichen Probleme haben. Sie haben keine Arbeit, leben von Hartz IV. Das macht das Zusammenleben vielleicht manchmal auch leichter, weil man sich trifft und über die gemeinsamen Probleme austauscht und das führt irgendwie auch zusammen. Auch die Deutschen und die MigrantInnen reden miteinander, es kommt da eher drauf an, wie ein Mensch eingestellt ist. Vorurteile gibt es auf beiden Seiten.
Was sind aus Eurer Sicht gute Beispiele für gelingendes multikulturelles Zusammenleben in Neukölln?
Osman: Das FUSION selbst. Ich bin praktisch Tag und Nacht hier, die ganzen Jugendlichen aus dem Viertel kommen hierher, man redet miteinander, kennt die Probleme und versucht sie zu lösen. Es sind sehr viele unterschiedliche Leute, die ins FUSION kommen und das klappt eigentlich sehr gut.
Sevil: Es gibt in Neukölln viele gute Projekte und Ideen. Zum Besipiel im Rollbergviertel die Elternversammlungen oder das Frauenfrühstück, wo beim gemeinsamen Frühstück versucht wird, alle unterschiedlichen Kulturen, Religionen und die Ethno-Deutschen zusammenzubringen. Jeden Mittwoch gibt es z.B. das "Gemeinschaftshaus", wo es ein gemeinsames Essen gibt, mit dabei sind die Polizei, das MaDonna und andere. Bei solchen Gelegeneheiten treffen sich alle.
Es gibt in der letzten Zeit in den Medien immer mehr Berichte über Jugendliche, Gewalt und Kriminalität in Neukölln. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind häufig in die Auseinandersetzungen verwickelt. Nehmt ihr das auch so wahr, dass die Probleme zugenommen haben?
Sevil: Ich sehe das nicht so. Wenn man z.B. vor 6-7 Jahren im Rollbergviertel gewesen wäre, hätte man da gar nicht langlaufen können, damals war es viel gefährlicher als heute. Die kriminellen Banden und Familienclans haben das Rollbergviertel damals praktisch beherrscht und das ist ja jetzt deutlich zurückgegangen. Solche Themen wurden lange gar nicht angesprochen, auf einmal berichtet jemand darüber und dann kommen alle und wollen darüber berichten, obwohl es jetzt gar nicht mehr so heftig ist wie vor einigen Jahren.
Osman: Es ist eigentlich viel ruhiger geworden. Jetzt gehen eben Journalisten zu Jugendlichen hin, fragen sie aus und machen eine dramatische Geschichte daraus, obwohl es nicht mehr so gefährlich ist wie früher.
Was hat sich aus Eurer Sicht in den letzten Jahren in der Situation im Kiez geändert?
Sevil: Die Kriminalitätsrate ist meiner Meinung nach deutlich zurückgegangen. Im Rollbergkiez findet jetzt auch eine viel vernetztere Sozialarbeit statt. Früher hat jede Einrichtung für sich gearbeitet, heute arbeiten wir in den Kiez hinein und das bringt mehr.Wir arbeiten z.B. mit der Polizei, der Wohnungsgesellschaft, dem Bezirk zusammen. Diese Kooperation bringt auch viel bessere Ergebnisse. Geholfen hat auch die Einführung von Überwachungskameras. Früher haben sich Leute oft aus Angst nicht getraut eine Anzeige zu machen, wenn sie etwas Kriminelles gesehen haben. Oft blieben die Sachen dann ungeahndet. Heute wissen die Täter, dass was passieren könnte. Viele Jugendliche sind jetzt in "ihrem Revier" viel mehr kontrolliert als früher und die krummen Sachen werden eher zur Anzeige gebracht. Ein Problem ist, das wir früher viel mehr Geld für unsere Arbeit hatten und konnten mehr Angebote wie Reisen, Sportangebote, Nachhilfebetreuung machen. Im MaDonna Mädchentreff sind derzeit mit mir eingeschlossen nur drei Honorarkräfte auf Teilzeit eingestellt. Hinzu kommen drei sogenannte 1-Euro- Jobber, die aushelfen. Wir müssen ständig überlegen, wie wir aus wenig Geld, viel machen und wo wir Stiftungs- oder Spendemittel herbekommen Die Arbeit klappt eigentlich nur gut, weil wir sehr engagiert sind und wissen, dass der Kiez sonst untergeht. Wenn wir jetzt noch mehr Geld hätten könnten wir viel mehr erreichen, als was wir schon erreicht haben.
Osman: Ich finde, dass die Jugendlichen sich viel mehr beteiligen als früher und aktiv mitmachen.
Wo seht ihr Ursachen dafür, dass Jugendliche gewalttätig oder kriminell werden?
Osman: Das Problem ist die Arbeitslosigkeit und fehlende Ausbildungsplätze. Viele gehen 10 Jahre auf die Schule und stehen dann vor dem Nichts. Das wissen sie auch schon oft sehr früh. Dann fehlt auch die richtige Motivation durch die Lehrer oder Eltern. Bei mir war es auch sehr schwierig, ich habe überall gesucht, aber es gibt kaum Stellen. Ich wollte irgendwo rein und nicht nur zuhause rumsitzen. Es fehlt die Perspektive und die Jugendlichen wollen trotzdem leben und das Leben genießen. Viele denken dann, wenn ich es auf dem normalen Weg nicht kriege, dann hole ich mir eben auf anderem Wege, was ich brauche.
Sevil: Ich sehe das ähnlich: Die Jugendlichen wollen arbeiten, sie kriegen jedoch oftmals keine Chance und denken: "Wenn ich 18 bin, kriege ich Hartz IV." Hartz IV reicht jedoch nicht, um auch mal tanzen oder feiern zu gehen. Die finanziellen Probleme werden bei kinderreichen Familien noch größer, da sie ihren Kindern nicht viel bieten können. Eine große Rolle spielt auch die Gewalt in der Familie und auch auf der Straße.
Es wird öfter über Zwischenfälle zwischen Jugendlichen und der Polizei berichtet. Manchmal greift die Polizei wohl hart durch, andererseits werden Polizisten manchmal mit schweren Waffen angegriffen. Hat sich das Verhältnis zwischen Polizei und Jugendlichen verschärft?
Sevil: Ich denke schon, dass das Verhältnis angespannter geworden ist. Es sind heftige Sachen passiert, z.B. Polizisten wurden erschossen oder massiv angegriffen. Die Polizisten haben einen schwierigen Beruf, sie wollen ihr Leben natürlich auch schützen. Ich finde es offen gesagt nicht so schlimm, wenn man auch mal Handschellen benutzt. Ich würde aber nicht sagen, dass alles viel schlimmer geworden ist. Genau kann ich das aber auch nicht sagen, ich arbeite in einem Mädchentreff und unsere Mädchen sind kaum kriminell. Viele Mädchen nehmen mich als Vorbild oder wollen später bei der Polizei arbeiten. Sie wollen selber etwas gegen die Kriminalität machen.
Osman: Ich finde schon, dass es härter geworden ist. Die Polizei greift jetzt härter durch als früher.
Könnt ihr Euch vorstellen, dass es in den nächsten Jahren zu Ausschreitungen wie in Frankreich kommt?
Osman: Ich glaube nicht. Die Jugendlichen in Frankreich sind ganz anders drauf, das kenne ich hier nicht so.
Sevil: Ich denke auch nicht, dass es hier so weit kommen wird. In Berlin haben die Jugendlichen z.B. viel mehr Angst vor der Polizei als in Frankreich. Das erzählten neulich Jugendliche aus Frankreich bei einem deutsch-französischen Seminar der Jugendstiftung, an dem ich teilgenommen habe. In Frankreich wird man auch viel offener diskriminiert. Wenn ich in Neukölln lebe, heißt das nicht automatisch, dass ich keinen ordentlichen Beruf haben kann oder nicht wo anders hinziehen kann. In Paris ist es so, dass wenn du einmal in einem arabischen Ghetto lebst, dann kommst du da nie mehr raus. Es reicht der arabische Nachname und die Adresse des Viertels und die Leute haben keine Chance mehr einen Job, eine Wohnung im Zentrum oder einen Bankkredit zu bekommen. Auch diejenigen, die die Schule oder ein Studium abgeschlossen haben, kriegen keinen Job, selbst wenn sie reiche Eltern haben. Ich glaube aber schon, dass ich z.B. einen Job in Stuttgart bekommen könnte. Bei Hauptschülern ist das zwar schwieriger, es klappt aber auch da manchmal.
Was könnte die Polizei tun, um die Situation zu verändern? Was macht die Polizei bereits jetzt?
Sevil: Ich denke schon, dass die Polizei in unserem Viertel viel macht. Polizisten sind präsent und in der Regel freundlich, sie sind auch bei Festen dabei und gehen mittlerweile viel mehr auf Kinder und Jugendliche zu. Bei der WM zum Beispiel haben sie sich oft zu den Jugendlichen gesetzt und mitgeguckt. Die Polizei hier will auch mehr Menschen mit Migrationshintergund einstellen, obwohl es einen Einstellungsstopp gibt. Polizisten mit Migrationshintergrund kennen die Kultur und die Sprache der Leute im Viertel besser und können dann eher an die Probleme und die Leute rankommen. Die Polizei hat das verstanden.
Osman: Ich kriege von solchen Zusammentreffen und Projekten nicht so viel mit. Ich finde, dass die Polizei eben jetzt härter auftritt und nicht mehr so freundlich ist.
Oft wird behauptet, dass die Integration gescheitert ist. Wenn es tatsächlich so ist, was sind aus Eurer Sicht die wichtigsten Ursachen dafür?
Osman: Bei mir war es zum Beispiel so: Ich bin halb Araber, halb Türke und bin mit meiner Familie als Flüchtling aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. In der 10. Klasse bekam ich einen Brief von der Ausländerbehörde wegen meiner Aufenthaltserlaubnis. Da stand drin, dass ich nicht studieren oder arbeiten und auch Berlin nicht verlassen darf. Von meinem 16. bis zu meinem 20. Lebensjahr habe ich dann darum gekämpft, dass ich eine Aufenthaltserlaubnis bekomme und wartete immer auf meine Abschiebung. Nach vier Jahren habe ich es endlich geschafft. Vor allem Presseberichte im SPIEGEL und in der ZEIT haben damals viel Druck auf Innensenator Körting ausgelöst. Viele Leute in der gleichen Situation mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus und den vielen Einschränkungen geben allerdings viel früher auf, weil sie nicht wissen, wie sie vom Duldungsgeld leben sollen. Davon sind in Neukölln viele Leute betroffen.
Viele Jugendliche aus Neukölln schaffen es trotz der vielen sozialen Probleme ihren Weg zu gehen. Ihr gehört dazu. Was klappt bei denen und was bei den anderen nicht? Was war für Euren Weg wichtig, wer hat Euch geholfen und unterstützt?
Sevil: Ich denke nicht, dass jemand mit Migrationshintergrund generell weniger Chancen hat, die Leute müssen mehr Willen haben und es länger probieren. Natürlich werden viele diskriminiert, aber ich habe es ja auch geschafft. Die Leute dürfen nicht so schnell aufgeben, sie müssen gezielter versuchen, eine Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Zentral ist der eigene Wille. Man muss für das, was man will, auch richtig kämpfen. Bei mir waren die Eltern sehr wichtig, sie waren sehr dahinter her, dass ich gut in der Schule bin.
Osman: Mich haben die Mitarbeiter von FUSION sehr stark unterstützt und eben auch einige JournalistInnen wegen meiner Aufenthaltsgeschichte.
Vor einem Jahr war die Rütli-Schule in ganz Deutschland Gesprächsthema. Es wurde damals gesagt, dass sich an den Neuköllner Schulen sehr viel ändern müsste. Was hat sich aus Eurer Sicht seitdem geändert? Was könnte an den Schulen aus Eurer Sicht getan werden, um die Situation zu verbessern?
Sevil: Ob sich wirklich was geändert hat, weiß ich nicht.. eigentlich finde ich nicht. Wichtig wäre, dass die LehrerInnen richtig ausgebildet werden, mit den Schülern umzugehen und richtig auf sie einzugehen. Vor allem sollten sie keine Angst vor ihnen haben und sie ernst nehmen. Viele meiner Mädchen haben erzählt, dass es an der Rütli-Schule gar nicht so heftig war, wie es in den Medien rüberkam. Journalisten sollen teilweise Jugendliche dafür bezahlt haben, damit sie etwas Krasses machen oder sagen.
Wenn ganze Schuljahrgänge keinen Ausbildungsplatz bekommen, macht sich Hoffnungslosigkeit breit. Viele Jugendliche wenden sich dann Cliquen und der Straße im Kiez zu. Welche Regeln gelten auf der Straße?
Osman: Ich glaube nicht, dass es so besondere Regeln gibt. Die Leute finden sich sympathisch, freunden sich an und sind dann eben in einer Gruppe.
Sevil: Für diese Jugendlichen ist die Clique oft der einzige Halt. Wichtig ist hier, dass man zusammenhält und auch alles teilt. Wenn einer Geld hat, haben alle Geld. Nach außen ist es wichtig, dass man stark wirkt.
Welche Rolle spielen die Familien der Jugendlichen? Was könnten sie tun, um ihren Kindern besser zu helfen?
Sevil: Sie sollten für die Kinder da sein und sich für sie interessieren. Viele sprechen nicht mal deutsch, dann sollten sie sich wenigstens um eine Nachhilfe kümmern. Generell sollten sie sehr viel Wert auf die Bildung legen.
Osman: Ich finde auch, dass die Sprachdefizite vieler Eltern ein Problem sind. Sie haben daher oft kein Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Schule, dann gehen eben die Brüder oder Schwestern, die deutsch können zu den Elternabenden. Die Familien vernachlässigen teilweise ihre Kinder.
Der Bezirksbürgermeister von Neukölln Buschkowsky ist mittlerweile bundesweit für seine zum Teil drastischen Aussagen über Neukölln bekannt geworden. Wie kommt das bei Euch an? Osman: Buschkowsky war mal hier im FUSION und es wurde ein Bericht für die RBB-Sendung "Klipp und klar" darüber gemacht. Da hat er zugesagt, dass er Jugendlichen, die gut sind, einen Ausbildungsplatz besorgen würde. Wir haben Zeugnisse geschickt und seitdem kriegen wir keine Antwort. Wir rufen auch in seinem Sekretariat an und kriegen auch keine Antwort. Er redet viel und macht dann nicht so viel.
Sevil: Ich finde, dass er die Themen und Probleme direkt beim Namen nennt und nichts tabuisiert. Er macht meiner Ansicht nach gute Arbeit für Neukölln, er macht auch viel fürs MaDonna.
Erlebt ihr, dass wenn ihr nicht in Neukölln seid und dann erzählt, dass ihr von dort kommt, Sprüche oder Klischees hört?
Sevil: Natürlich. Die Leute fragen dann etwa: "Wie kann ein Mädchen mit Migrationshintergrund, das in Neukölln aufgewachsen ist, es schaffen zu studieren und dann auch noch auf der HU?". Sie fragen auch, ob meine Eltern das erlauben oder ob ich von zuhause abgehauen bin. Das aber eher von Kommilitonen als von Professoren. Ich hatte z.B. am Samstag Besuch von drei jungen Ethno-Deutschen, mit denen ich in ein türkisches Café an der Grenze von Kreuzberg und Neukölln gegangen bin. Sie waren danach total begeistert und einer meinte, dass ihm das in Bremerhaven niemand glauben würde, dass er zwischen Kreuzberg und Neukölln in einem türkischen Café war und lebend raus gekommen ist. Die Leute sind, wenn sie wirklich mal hier waren, oft begeistert.
Osman: Es wird immer wieder über die Jugendlichen geredet und gefragt, ob es wirklich so schlimm ist, ob es viel Kriminalität gibt. Wenn sie dann hören, dass ich in der Rütlistrasse arbeite, verhalten sie sich schon anders.
Wenn ihr Herrn Buschkowsky drei Tipps geben könntet, was er für Neukölln tun sollte, welche wären es?
Osman: Ich würde mehr Geld in Schulen, Ausbildungsplätze und Jugendtreffs stecken. Man muss den Leuten nach der 10. Klasse irgendetwas anbieten. Problem ist eben auch, dass es insgesamt zu wenige Ausbildungsplätze gibt. Außerdem gibt es andere Jugendtreffs, z.B. in Marzahn, mit weniger Jugendlichen, aber viel mehr Geld und Sozialarbeitern.
Sevil: Mehr Ausbildungsplätze, mehr Bildung, mehr Geld für soziale Projekte für Jugendliche wie etwa MaDonna. Man müsste auch sehr viel tun, um den Horizont der Kinder zu erweitern. Ich habe im MaDonna Mädchen, die seit 15 oder 16 Jahren in Neukölln leben und noch nie das Brandenburger Tor gesehen haben. Ihre Eltern haben kein Geld, ihre 6-7-köpfige Familie mit dem Bus dahin zu bringen. Sie kommen nicht mehr aus dem Kiez raus. Neukölln ist aber noch kein Ghetto, viele Leute wollen auch gar nicht weg, weil sie sich hier wohlfühlen. Wenn man raus will, schafft man das, in Frankreich nicht mehr.
Was wollt ihr später machen?
Sevil: Ich denke ich werde Kriminalpsychologin werden.
Osman: Ich will Sozialpädagogik studieren und später selbst Leiter eines interkulturellen Jugendzentrums werden.
Wo seht ihr euch in 5 Jahren?
Sevil: Ich denke, dass ich dann gerade dabei bin, mein Studium zu beenden.
Osman: Ich denke, dass ich dann einen eigenen Jugendtreff leite.
Wenn ihr eigene Familie und Kinder habt, denkt ihr, dass ihr in Neukölln bleiben werdet?
Sevil: Wenn ich in Deutschland bleibe, dann bleibe ich in Berlin. Und warum nicht Neukölln? Vielleicht gehe ich aber auch nach Australien.
Osman: Ich will hierbleiben, auch wenn ich Familie habe.
Das Interview führten Olga Drossou und Andreas Merx am 28. März 2007 im Jugendzentrum FUSION in der Rütlistrasse in Neukölln. Die Einrichtungen, in denen Sevil Yildirim und Osman Tekin mitarbeiten, finden Sie hier:
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