von Renate H. RampfWarum kultursensible Aufklärung über Homosexualität?
Eigentlich nichts Besonderes, so ein Kuss. Kein Grund zur Aufregung, in jedem Liebesfilm geht es schärfer zur Sache. Aber wenn zwei Männer sich küssen, sieht die Sache anders aus. Das zeigen die Ergebnisse der Simon-Studie „
Einstellungen zur Homosexualität“ von 2007. Mehr als jeder zweite männliche Jugendliche stimmte der Aussage zu „Wenn sich zwei schwule Männer auf der Straße küssen, finde ich das abstoßend.“
Schülerinnen und Schüler aus Berliner Gesamtschulen und Gymnasien beantworteten über 60 Fragen zur individuellen Lebenszufriedenheit, Umgang mit Sexualität, Partnerschaftsvorstellungen, Religiosität, In- und Exklusion sowie Homosexualität. Dabei interessierten Bernd Simon, den Leiter der Studie, vor allem „Ausprägungen und sozialpsychologische Korrelate bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund“, so der Untertitel der Studie. Erstmalig für die Bundesrepublik wurde nach den Zusammenhängen zwischen Rollenbildern, religiösen Überzeugungen und den Einstellungen gegenüber Homosexuellen gefragt - Themen, deren kulturelle Prägung offensichtlich ist.
Die Ergebnisse sind besorgniserregend, denn sie zeigen erhebliche Diskrepanzen zwischen dem Ideal des positiven Zusammenlebens unterschiedlicher Minderheiten und den tatsächlichen Akzeptanzbedingungen: Es gibt eine Korrelation zwischen Herkunft und Toleranz gegenüber Leben und Schwulen, einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Akzeptanz traditioneller Männlichkeitsnormen und Homophobie und nicht zuletzt verweisen die Daten auf einen negativen Einfluss der islamischen Religion.
Homosexualität und Migration, das Wortpaar verweist auf ein Pulverfass und eine gesellschaftspolitische Herausforderung. Ich werde im Folgenden Ergebnisse der Simon-Studie skizzieren sowie die Methoden des LSVD- Projektes für kultursensible Aufklärung zu Homosexualität im Kontext von Migration erläutern.
Homosexuellenfeindlichkeit – wie kann man das messen?
Affekte, Verhaltenstendenzen und Kognitionen bestimmen unsere Einstellungen. Mit insgesamt neun Fragen widmet sich die Untersuchung den homosexuellenfeindlichen bzw. –freundlichen Tendenzen. Dabei bezogen sich zwei Items auf Affekte (zum Beispiel „Wenn sich zwei schwule Männer auf der Straße küssen, finde ich das abstoßend), andere auf Verhaltenstendenzen („Wenn ich wüsste, dass meine Nachbarin lesbisch ist, würde ich lieber keinen Kontakt zu ihr haben.“) und weitere auf Gedanken und Überlegungen („Wenn ich ein Kind hätte, das schwul oder lesbisch ist, hätte ich das Gefühl, in der Erziehung etwas falsch gemacht zu haben.“). Das Bild wird mit einer Frage zur gesellschaftlichen und rechtlichen Situation abgerundet (etwa: „Für Schwule und Lesben wird in der deutschen Gesellschaft schon genug getan.“ oder: „Schwule und Lesben sollten die gleichen Rechte haben wie heterosexuelle Männer und Frauen.“).
Schon auf dieser Ebene zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Jugendlichen: Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund zeigen durchweg eine stärker ausgeprägte homosexuellenfeindliche Einstellung als die Mädchen und Jungen ohne Migrationshintergrund“. (Simon 2008)

Antwort auf die Frage: „Schwule und Lesben sollten die gleichen Rechte haben wie heterosexuelle Männer und Frauen“ (oM: ohne Migrationshintergrund, eUDSSR: Jugendliche mit Eltern aus der ehemaligen UDSSR, tM: türkischer Migrationshintergrund)
Männlichkeit, Religiosität und Ausgrenzungserfahrungen
„Niemand respektiert einen Mann, der ständig über seine Sorgen, Ängste und Probleme spricht“. Mit einfachen Fragen zum Verhältnis von Männern und Frauen wurden Rollenbilder und Rollenerwartungen erfragt. Die Ergebnisse können kaum überraschen: Die Akzeptanz traditioneller Männlichkeitsnormen ist bei allen befragten Jugendlichen mit homosexuellenfeindlichen Einstellungen verbunden. Je mehr traditionelle Männlichkeitsbilder akzeptiert werden, desto stärker ist die Ablehnung Homosexueller.
Der Zusammenhang von Religiosität und Homosexuellenfeindlichkeit ist bei türkischstämmigen Schülern am stärksten ausgeprägt. Je religiöser sie sind, desto homosexuellenfeindlicher sind sie. Auch bei den russischstämmigen Jugendlichen zeigen sich solche Zusammenhänge, wenn auch weniger stark. Bei den deutschen Schülern dagegen kaum.
Auch der Zusammenhang Diskriminierungswahrnehmungen, Integration und dem Grad der Ablehnung gegenüber der anderen Minderheit wird mit Fragen in der Alltagssprache der Schülerinnen und Schüler erhoben („Es fällt mir leicht, nach den Regeln und Werten der deutschen Gesellschaft zu leben“, „Ich möchte immer in Deutschland leben“, „Ich fühle mich als Teil der deutschen Gesellschaft“ usw.).
Die Antworten zeigen, dass komplexe Lösungen gefragt sind. Bei Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund ist das Gefühl der mangelnden persönlichen Integration positiv mit Homosexuellenfeindlichkeit verbunden. Dagegen ist bei den Jungen und Mädchen aus der ehemaligen UDSSR eher das Gefühl, selber diskriminiert zu werden. (Simon 2008) Dabei spielt der Kontakt zu Homosexuellen eine große Rolle: Jugendliche mit Migrationshintergrund haben kaum persönliche Begegnungen mit Lesben und Schwulen, und noch seltener kennen sie Lesben und Schwule mit Migrationshintergrund.
Jugendliche: Eltern von morgen
Die befragten Jugendlichen sind die Repräsentanten der kommenden Elterngeneration, ihre Einstellungen zu Homosexualität werden die Stimmung in den Familien der Zukunft gestalten. In einigen dieser Familien werden jugendliche Lesben und Schwule aufwachsen. Die Daten der Studie lassen erwarten, dass sie es nicht leicht haben werden. Zwar sagen mehr als die Hälfte der Befragten, Lesben und Schwule sollten die gleichen Rechte haben wie Heterosexuelle. Aber wenn Homosexualität in der Familie vorkommt, sieht die Sache doch anders aus. Insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund meinen, die Homosexualität eines Kindes verweise auf einen Erziehungsfehler. Dabei zeigen sich die zukünftigen Mütter etwas toleranter als die die Kandidaten für die neue Vätergeneration, aber die Familie bleibt der primäre Konfliktherd.

Antwort auf die Frage: „Wenn ich ein Kind hätte, das schwul oder lesbisch ist, hätte ich das Gefühl, in der Erziehung etwas falsch gemacht zu haben“ (oM: ohne Migrationshintergrund, eUDSSR: Jugendliche mit Eltern aus der ehemaligen UDSSR, tM: türkischer Migrationshintergrund)
Kontakt trotz Tabuisierung?
Unabhängig vom Grad der Ablehnung und den Bestimmungsfaktoren verweisen die Daten auf ein geradezu universelles Aufklärungsmittel - die persönlichen Kontakte zu Homosexuellen. Das klingt einfach, ist aber dennoch eine pädagogische und gesellschaftspolitische Herausforderung, denn wie kann man jemanden dazu bewegen, Kontakt zu Menschen aufzunehmen, die als ekelig oder verachtenswert angesehen werden? Was sollte Migrantinnen und Migranten dazu ermuntern, mit Lesben und Schwulen in Kontakt zu treten, wenn sie einen Kontakt doch ablehnen? Wie ein Thema ansprechen, das tabuisiert wird? Eigentlich unmöglich, zumal die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtungen und Institutionen, die sich gezielt an Menschen mit Migrationshintergrund wenden, meinen, für Migrantinnen und Migranten sei Homosexualität eigentlich kein Thema. Diese Zugangsproblematik steht im Mittelpunkt der kultursensiblen Aufklärung.
Erwachsenenbildung zum Thema Homosexualität verläuft nicht in den klassischen Bahnen, wie etwa Vorträge oder Podiumsdiskussionen. Solche öffentlichen Veranstaltungen wirken im Hintergrund, um Einzelpersonen als 'Türöffner' zu gewinnen. Wenn sich die örtliche Bürgermeisterin nicht scheut, offen für Respekt gegenüber Lesben und Schwulen einzutreten oder der zuständige Migrationsbeauftragte keine Berührungsängste hat, können auch Gruppenleiter und engagierte Pädagoginnen leichter für eine Kooperation gewonnen werden. Die Grundlage der Aufklärungsveranstaltung ist die Beibehaltung vertrauter Kreise, die Anknüpfung an bestehende Formen der Kommunikation – nur das Thema ist unvertraut und neu: Meinungsaustausch über Lesben und Schwule, Quiz-Fragen zu Rechten von Homosexuellen und dann vielleicht sogar die Frage: Was würde ich tun, wenn mein Sohn schwul ist?
Spiele, die für den Bereich der Erwachsenenbildung konzipiert wurden, Rollenspiele, Gruppenwettbewerbe und Fragespiele sind niedrigschwellig und dennoch für die Teilnehmenden mit vollkommen neuen Fragestellungen verbunden. Jedes der Arbeitsmittel setzt dabei auf eine spezifische Methode: Manche Angebote motivieren zur Diskussion, andere zielen stärker auf Informationsvermittlung und andere wiederum verlangen eine emotionale Stellungnahme. Das Kennzeichen der Module sind die einfache Handhabung, die Möglichkeit, sie flexibel einzusetzen sowie die Mehrsprachigkeit der Spielkarten. Auf der Website des Projektes finden sich Arbeitsmaterialien in verschiedenen Sprachen zum Download nebst einem ausführlichen Glossar.
Kooperation und Dialog
Es geht darum, den Dialog der Teilnehmenden untereinander anzustoßen und zu ermöglichen. Dabei gilt der Grundsatz „Selbstreflexion statt Belehrung“. Häufig verlangt dies von den ModeratorInnen, die eigene Betroffenheit zurückzustellen und auszuhalten, wenn Vorurteile und schwere Anwürfe geäußert werden. Aber in der Regel finden sich in den Gruppen immer Personen, die sich mit viel Engagement gegen die Vorurteile stellen. Das ist für den weiteren Verlauf der Gruppendynamik und für die Nachhaltigkeit der Sensibilisierung unschätzbar.
Multiplikatoren, zahlreiche Mütter und einige Väter näherten sich dem Thema über Fragen und Diskussionen. Grundlage der Arbeit ist die enge Kooperation mit Projekten aus den Migranten-Communities sowie freien Trägern. Kooperation ist das Markenzeichen und Geheimrezept - sie legt die Grundlage für den gleichberechtigten Dialog zwischen den Kulturen und den Austausch von Know-how.
Die Aufklärung über Homosexualität ist kein Thema, das in erster Linie Lesben und Schwule betrifft, im Gegenteil. Das Projekt wendet sich an heterosexuelle Erwachsene, die die sogenannte Mitte der Gesellschaft bilden, aber auch an diejenigen, die ebenso wie Lesben und Schwule an den Rand gedrängt werden. Dabei geht es um Fragen, die für alle zentral sind: verschiedene Rollenbilder, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, gesellschaftliche Tabus und Vorurteile gegenüber Minderheiten.
Sicher, Homosexualität ist ein Thema mit sehr viel Sprengkraft. Aber es gibt in jeder Kultur Homosexuelle, und es kann außerordentlich spannend sein, über Vorurteile offen zu sprechen. Machen Sie mit! Diversity braucht auch Ihr Engagement.
November 2008
Literatur
Simon, Bernd: Einstellungen zur Homosexualität: Ausprägungen und psychologische Korrelate bei Jugendlichen ohne und mit Migrationshintergrund (ehemalige UdSSR und Türkei). Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 40 (2), Hogrefe Verlag Göttingen 2008, 87-99.
Kurzfassung der Ergebnisse der Studie finden Sie hier