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Dr. Sabine Schiffer ist Sprachwissenschaftlerin und Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen.

 
 
 
Antisemitismus & Islamfeindlichkeit - REZENSION
Rezension von Sabine Schiffer

Der Titel der vielfältigen Aufsatzsammlung „Zwischen Antisemitismus und Islamophobie“ scheut sich nicht, bereits an einem neu aufkommenden Tabu zu rütteln, nämlich Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in einem Atemzug überhaupt nennen zu dürfen. Zwar gibt es inzwischen vielfältige Hinweise auf eine gewisse Vergleichbarkeit zwischen dem antisemitischen Diskurs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (Jüdischer Kulturverein Berlin „Wider die Islamophobie!“ (2005) sowie die Arbeiten von Almut Bruckstein u.a.).  

Zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Vorurteile und Projektionen in Europa und Nahost, herausg. von Bunzl, John / Senfft, Alexandra, Hamburg 2008, VSA-Verlag.

Dennoch zeigt der Aufruhr um Faruk Sen, der einem jüdischen Kollegen in der Türkei beispringen wollte, indem der auf Parallelen zwischen der Ausgrenzung von Juden in der Türkei und der von Türken/Muslimen in Deutschland und Europa hinwies, wie unverstanden diese Problematik nach wie vor ist.

Wer glaubt, das vorliegende Buch werde eine Antwort auf die offenen Fragen der Vergleichbarkeit bzw. Nicht-Vergleichbarkeit dieser beiden Diskriminierungen geben, sieht sich getäuscht. Es behandelt vor allem andere Aspekte zwischen Antisemitismus und Islamophobie mit einem starken Fokus auf dem Antisemitismus und den Nahostkonflikt – und stellt eine weitere wichtige Vorarbeit für das Wagnis einer Vergleichsprüfung dar wie auch das avantgardistische Buch von Matti Bunzl "Anti-Semitism and Islamophobia – hatreds Old and New in Europe" von 2007. Dabei liefern die einzelnen Aufsätze in Bunzl/Senfft eine sehr differenzierte Betrachtung der jeweilig ausgeleuchteten Einzelaspekte, die ein menschenfreundliches Gesamtbild ergeben, das nicht von Aussichtslosigkeit geprägt ist – bei allen Fehldeutungen, Missverständnissen und gezielten Propagandazügen, die von den Autoren schonungslos aufgedeckt werden.

Dem Linguisten Alexander Pollak gelingt es, sowohl einen Problemaufriss einer Antisemitismusdiskussion darzulegen als auch eine haltbare Definition zu umreißen, die freilich immer vom situativen Kontext der Äußerung abhängt. Er warnt gleichzeitig davor, weder die einzelnen Ausdrucksformen von Antisemitismus heute zu unterschätzen, noch in jeder beliebigen Situation eine solche zu behaupten, da eine Verwischung der Grenzen von Antisemitismus zu anderen Formen der Diskriminierung den Antisemitismus beliebig und damit irrelevant mache.

Etwas schwammig bleibt der Beitrag von Elisabeth Kübler, die sich in den vielfältigen problematisierten Aspekten etwas verliert bzw. unpräzise und interpretationsoffen bleibt. In Bezug auf Islam und Muslime nimmt er einige Allgemeinplätze auf, ohne sie in gleicher Weise in Frage zu stellen wie in Bezug auf antijüdische Stereotypisierungen. Als Beispiel sei die Thematisierung häuslicher Gewalt, die als kulturelle Eigenart legitimiert werden könnte, genannt. Diese Diskussion weist gerade keine Islamspezifik auf.

Matti Bunzls etwas essayistisch angelegte Reflexionsreise führt die LeserInnen anhand der Nachzeichnung vor allem innerösterreichischer Diskussionen um Juden und Muslime zu der Erkenntnis, dass die offizielle Politik in den Nationalstaaten sowie der EU sich stark unterscheidet, was die Behandlung von Juden und Muslimen anbelangt: während der Antisemitismus von höchster Stelle geächtet wird, mache die Diskussion um den Türkei-Beitritt zur EU deutlich, dass eine antiislamische Stimmung als durchaus legitim in Betracht gezogen wird.

Brian Klug hinterfragt kritisch die Anspielungen von Rabbiner Sacks, stellvertretend für viele ähnliche Argumentationen, und verweist darauf, dass Israel nicht als „der Jude der Welt“ von möglichen Rechtsverletzungen frei gesprochen werden darf. Dies wäre – und dies entspricht im Wesentlichen der Definition Pollaks – nur dann der Fall, wenn „die antisemitische Figur des ,Juden‘“ routinemäßig und universell auf Israel angewandt würde. Klug plädiert für die jeweilige Klärung, um die man nicht herum komme, und lehnt die propagandaartige Verkürzung der jeweils notwendigen Analyse durch den Verweis auf Antisemitismus ab.

In den bahnbrechenden Reflexionen von Paul A. Silverstein warnt er vor der Interpretation, die in der inzwischen vielfach wiederholten Behauptung liege, dass antijüdische Äußerungen und Aktionen muslimischer Franzosen/Maghrebiner automatisch mit einem islamistisch motivierten Antisemitismus zu erklären seien. Während er das Medienbild vom misshandelten Juden um das des misshandelten Arabers in Frankreich ergänzt, plädiert er für die Wahrnehmung der Projektionsfläche Israel-Palästina in dem Kontext. Sie wirke als Identifikationsstifter in die französischen Immigrantencommunities hinein. Eine Lösung der hieraus resultierenden Probleme setze die richtige Analyse voraus.

In seinem kurzen Beitrag entwirft Sander L. Gilman einen Fragenkatalog, der die Unterschiede sowie die Gemeinsamkeiten der beiden Diaspora-Communities in Europa – historisch und aktuell – herauszukristallisieren trachtet. Dabei stellt er so manche Prämisse in Frage. Auf die Antworten dürfen wir gespannt sein.

John Bunzl findet klare Worte und knüpft wiederum an den Kern der Antisemitismusdefinition – fokussiert Juden als „Juden“ – an, um schließlich für „Motivforschung“ in Sachen Israelkritik zu plädieren. Diese werde zu verkürzt auf Antisemitismus reduziert, was die notwendige Analyse ausspare und jeden konstruktiven Ansatz  konterkariere. Am Beispiel der Antideutschen sowie Matthias Küntzels macht der die Problematik des Ausblendens jeglicher israelischer Politik deutlich. Nur wer die Dynamik im Prozess der Übernahme bestimmter Denk- bzw. Erklärungsmuster sowie der Instrumentalisierung bestimmter Ideologien wahrnehme, sei in der Lage, Dinge zu verändern – anstatt sie auf immer festzuschreiben. Er beruft sich auf Brian Klug, wenn er zu dem Schluss kommt, dass nicht nur der Islam instrumentalisiert werde, sondern auch der Antisemitismus. Damit steht auch das Konzept des „Neuen Antisemitismus“ in der Kritik, weil es oft diesen Zweck erfüllen soll.

Alexander Flores bezieht sich in seinem Abriss über den „arabischen Antisemitismus in westlicher Perspektive“ stark auf das Buch „Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte“ von Doron Rabinovici und seinen Mitherausgebern, welches sehr unterschiedliche und teils widersprüchliche Beiträge enthält. Flores kritisiert plausibel den Versuch der Loslösung des Antisemitismusvorwurfs an die arabisch-islamische Gesellschaft von den realen Fakten in der Region: Kolonialismus, Politik Israels und die weit verbreitete blinde Unterstützung für diese Politik.

Omar Kamil klärt ohne Apologie, warum bei so wenigen arabischen Intellektuellen eine Rezeption des Holocaust stattgefunden hat, wo doch das Schicksal der Palästinenser durch diesen mit beeinflusst wurde. Während die meisten den Holocaust leugnen, nehmen andere ihn instrumentalisiert wahr – als argumentatives Mittel dazu, das eigene Leiden ebenso sichtbar zu machen. Kamil arbeitet besonders präzise heraus, inwiefern die Wahrnehmung der Welt aus einer Kolonisiertenperspektive die Narrative bestimmt, die Geschichtsbewusstsein ausmachen – wie umgekehrt auch.

Michael Rothberg geht den Diskursen nach, die trotz – oder vielleicht wegen? – der Holocausterinnerung von keiner Empathie für andere Opfer von Genoziden oder ethnischen Säuerungen zeugen. So sucht er beispielhaft am Fall des Historikers Benny Morris mittels diskurskritischer und psychologischer Methoden die Gleichzeitigkeit von Opfer-, Täter-, Kolonial- und apokalyptischen Vernichtungsfantasien zu erklären. Morris hatte als einer der ersten sog. „Neuen Historiker“ auf die palästinensischen Flüchtlinge/Vertriebenen aufmerksam gemacht und ist heute einer der vehementesten Befürworter eines (völkerrechtswidrigen) Angriffs auf den Iran.

Daniel Bar-Tal wirft einen sehr selbstkritischen Blick auf das Bild der Araber in der jüdisch-israelischen Gesellschaft. Er stellt einerseits übermäßige Diffamierungen in den Bereichen Literatur, Theater und dem Bildungswesen fest, aber auch eine neuere Entwicklung hin zur Ausdifferenzierung des Bildes vom anderen. Ob allerdings die zunehmenden „individualisierten“ Darstellungen von leidenden Palästinensern das starke Stereotyp vom gefährlichen Palästinenser konterkarieren helfen können, wäre zu prüfen. Denn wenn die neuen Rollen als singulär und damit Ausnahme konzipiert sind, bestätigen sie die unterschwellig mitschwingende Regel. Während Bar-Tal erfreulicherweise Henri Tajfels sozialpsychologischen Ansatz der Gruppenselbstdefinition in seine Betrachtungen mit einbezieht, vermisst man am Schluss etwas die Einbeziehung der hierarchischen Machtstrukturen, die Tajfel ebenso beschreibt und die das Wechselspiel der Gruppendynamik in einer Hierarchie erklären helfen würde.

Wie sich das jüdische Volk in den aktuellen politischen Debatten verhält und verhalten sollte, ist das Thema des kurzen Beitrags von Aviezer Ravitzky. Er stellt beunruhigt fest, dass die einseitige Parteinahme selbst ernannter Vertreter des jüdischen Volkes für eine Seite im sog. Kampf der Kulturen nicht nur untypisch für die jüdische Diplomatie, sondern auch kontraproduktiv und kurzsichtig sei. Langfristig sieht er in der Einordung in eine vermeintlich religiöse Konfrontation mit dem Islam und in der Kooperation mit zweifelhaften Akteuren wie den Evangelikalen eine hochgradig gefährliche Entwicklung, die schließlich in einem unüberwindbaren Religionskonflikt zu münden droht.

Den wunden Punkten und schmerzlichen Grenzziehungen zwischen Antisemitismus und Antizionismus geht Herbert C. Kelman nach. Glaubwürdig und akribisch genau macht er die Nuancen und das Potenzial von Missdeutungen sichtbar und gibt konkrete Hinweise, wie bzw. bis wohin man dem antisemitischen Impetus auf die Schliche kommen kann. Dabei plädiert er durch sein eigenes Beispiel, die legitimen Anliegen beider Völker in Israel-Palästina zu respektieren und eine kooperative Zwei-Staatenlösung anzustreben. Man drückt sich also nicht darum, den neuralgischen Punkt mit seinen problematischsten Stellen zu benennen und gleichzeitig die Instrumentalisierung und Delegitimierung der berechtigten Anliegen zu kritisieren.

Insgesamt handelt es sich um eine gelungene Auseinandersetzung mit der komplexen Thematik, die nicht schmerzfrei ist, aber etwas Befreiendes hat. Man muss die Dinge durchdenken, durchdeklinieren, durchsprechen, um sie wirklich klären zu können. Dieses Anliegen atmet das ganze Buch, wovon jeder der einzelnen Aufsätze äußerst lesenswert und lehrreich ist.

September 2008