Die multikulturelle Realität in Europa durchlebt derzeit eine gesellschaftspolitische Krise und wird als eine erstrebenswerte Form des Zusammenlebens in Frage gestellt. Kulturelle Vielfalt, Multikulturalismus, Integration, Islam, Parallelgesellschaft und weitere Stichpunkte sind dabei die zentralen Themen, die in Zusammenhang mit der Einwanderungsgesellschaft und ihr Selbstverständnis dauerhaft die öffentliche Diskussion dominieren und zu kontroversen Auseinandersetzungen führen. Die verschiedenen Formen von Konflikten, mit denen die verschiedenen europäischen Gesellschaften in den vergangenen Jahren konfrontiert wurden zeigen, wie oft die Probleme und Herausforderungen vergleichbar sind, aber die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen können.
Die Reihe „Interkulturalität und Politik“, die im Jahr 2007 begonnen wurde, versucht interessante aktuelle Kontroversen auf dem interkulturellen Feld zu identifizieren und auszutragen.Eingeleitet durch Keynotes prominenter inländischer und ausländischer WissenschaftlerInnen und DenkerInnen soll die Reihe aktuelle und kontroverse Themen für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich machen.
Der Eintritt bei den Veranstaltungen ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Interkulturalität und Politik # 5
Identität im Konflikt - MigrantInnen zwischen Selbstbestimmung, Tradition und Anpassung
26. Februar 2008, 19.00-21.00 Uhr
auf der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung
„Die Sprache im Miteinander muss Deutsch sein, das Schlachten in der Wohnküche oder in unserem Land ungewohnte Vorstellungen zur Müllentsorgung gehören nicht zu unserer Hausordnung.“ So die Spielregeln der Einwanderungsgesellschaft nach der Vorstellung von Roland Koch im Wahlprogramm 2008. Menschenrechte sind aber auf die Freisetzung von Pluralismus - auch eines kulturellen Pluralismus - angelegt, mit dem Recht auf Selbstbestimmung. Stehen also solche politische Forderungen in Konflikt mit den Menschenrechten und Grundrechten, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie vielfältiger bürgerlicher und politischer Rechte im Übereinkommen zur Abschaffung aller Formen von Diskriminierung verankert sind? KritikerInnen des Multikulturalismus sehen allerdings auch im Konzept der kulturellen Vielfalt die Ursache für Fortbestehen undemokratischer Strukturen in Teilen von Migranten-Communities. Sind in der multikulturellen Realität daher Konflikte zwischen Menschenrechte, Politik der kulturellen Vielfalt sowie individuelle Grundrechte tatsächlich unvermeidbar? Müsste man eine Politik kultureller Assimilation forcieren, um Menschenrechte und Selbstbestimmung in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft kompromisslos umzusetzen?
Keynote
Prof. Dr. Heiner Bielefeldt, Deutsches Institut für Menschenrechte
Kommentare:
- Bilkay Öney, MdA, Bündnis 90/Die Grünen, Berlin
- Kurt Wansner, MdA, Fraktionsvorstand der Berliner CDU, Berlin
- Burhan Kesici, Islamische Föderation in Berlin
Moderation: Mekonnen Mesghena, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin
Interkulturalität und Politik # 6
Einwanderungsland im Wandel - Was hält die Gesellschaft zusammen?
Di. 15. April 2008, 19.00 - 21.00 Uhr
auf der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin
Was vor über 40 Jahren aus einer ökonomischen Notwendigkeit entstand, hat die soziale, politische, demographische und ökonomische Struktur Deutschlands gründlich verändert. Deutschland ist ein Einwanderungsland und eine Gesellschaft im Wandel. Die Frage ist also längst nicht mehr, ob das Zusammenleben von Menschen verschiedener Muttersprache, ethnischer und religiöser Herkunft und unterschiedlicher Lebensstile möglich ist, sondern wie es gestaltet werden soll. Die Frage lautet: Was hält die multikulturelle Republik zusammen, wie verbinden sich Vielfalt und Gemeinsamkeit – und wo liegen die Grenzen der Toleranz? Wie entsteht Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft?
Keynote
Prof. Dr. Jutta Limbach, Goethe Institut, München
Kommentare
- Gari Pavkovic, Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart
- Sineb El Masrar, Herausgeberin „Gazelle - Das multikulturelle Frauenmagazin“, Berlin/ Mülheim a.R.
Moderation: Ralf Fücks, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin
Interkulturalität und Politik # 7
Integration zwecklos? Migrantische Eliten in Deutschland
Mo. 20. Oktober 2008, 19.00-21.00 Uhr
Beletage der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin
Migrantinnen und Migranten sind heute aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens in Deutschland kaum weg zu denken. Auch die Anzahl der Menschen mit Migrationshintergrund, die an den unterschiedlichen Entscheidungsebenen zu finden sind, nimmt zu. Dennoch bleiben sie in der Regel kaum sichtbar - und ihre gesellschaftspolitische Rolle als Role Models ist weiterhin kaum von Bedeutung. Viele prominente und teilweise erfolgreiche MigrantInnen klagen sehr häufig über das "Glas Ceiling Problem", das die politische, ökonomische, wissenschaftliche, journalistische und künstlerische Partizipation und Aufstieg von Menschen mit Migrationshintergrund dämpft und bremst. Ein prominenter Wortführer der Integration, Prof. Bassam Tibi, schmiss nach über 40 Jahren Deutschland das Handtuch und ging in die USA. Eine Ausnahme?
Keynote
Prof. Dr. Bassam Tibi, Cornell University, Ithaca, NY, U.S.A.
Kommentare:
- Eren Ünsal, Leiterin der Landesstelle für Gleichbehandlung, Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Berlin
- Özcan Mutlu, MdA, Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin
Moderation: Minou Amir-Sehhi, Journalistin, Berlin